In San Rocco war der alte Totengräber gestorben. Es wurde
täglich ausgerufen, daß die Stelle neu zu besetzen sei. Aber es
vergingen drei Wochen, oder mehr, ohne daß jemand sich
gemeldet hätte. Und da während dieser ganzen Zeit niemand
starb in San Rocco, so schien die Sache auch nicht dringend
zu sein, und man wartete ruhig ab. Wartete, bis an einem
Abend im Mai der Fremde erschien, der das Amt übernehmen
wollte. Gita, die Tochter des Podestà, war die erste, die
ihn sah. Er trat aus dem Zimmer ihres Vaters (sie hatte ihn
nicht kommen sehen) und kam gerade auf sie zu, als hätte er
erwartet, ihr auf dem Gange, der dunkel war, zu begegnen.
»Bist du seine Tochter?« fragte er mit einer leisen Stimme,
und legte ein fremdartiges Betonen aufjedes seiner Worte.
Gita nickte und ging neben dem Fremden her bis zu einem
der tiefen Fenster, durch das von draußen der Glanz und die
Stille der Gasse fiel, die im Abend lag. Dort besahen sie einander
aufmerksam. Gita war so vertieft in den Anblick des
fremden Mannes, daß ihr erst nachträglich einfiel, daß auch
er, während aller dieser Minuten, als sie stand und ihn
betrachtete, sie angesehen haben müsse. Er war hoch und
schlank, und hatte ein schwarzes Reisekleid von fremdartigem
Zuschnitt. Sein Haar war blond und er trug es, wie
Edelleute es tragen. Er hatte überhaupt etwas von einem
Edelmann an sich, er konnte Magister sein oder Arzt; wie
merkwürdig, daß er Totengräber war. Und sie suchte
unwillkürlich seine Hände. Er hielt sie ihr hin, beide, wie ein
Kind.
»Es ist keine schwere Arbeit«, sagte er; und obwohl sie auf
seine Hände sah, fühlte sie das Lächeln seiner Lippen, in dem
sie stand wie in einem Sonnenstrahl.
Dann gingen sie zusammen bis vor das Tor des Hauses. Die
Straße dämmerte schon.
»Ist es weit?« sagte der Fremde und sah die Häuser hinunter
bis ans Ende der Gasse; sie war ganz leer.
»Nein, nicht sehr weit; aber ich will dich führen, denn du
kannst den Weg nicht wissen, Fremder.«
»Weißt du ihn?« fragte der Mann ernst.
»Ich weiß ihn gut, ich habe ihn als kleines Kind schon gehen
gelernt, weil er zur Mutter führt, die uns früh fortgenommen
worden ist. Sie ruht dort draußen, ich will dir zeigen wo.«
Dann gingen sie wieder schweigend und ihre Schritte klangen
wie ein Schritt in der Stille. Plötzlich sagte der Mann in
Schwarz: »Wie alt bist du, Gita?«
»Sechzehn«, sagte das Kind und streckte sich ein wenig,
»sechzehn, und mit jedem Tage ein wenig mehr.«
Der Fremde lächelte.
»Aber«, sagte sie und lächelte auch, »wie alt bist du?«
»Älter, älter als du, Gita, doppelt so alt, und mitjedem Tage
viel, viel älter.«
Damit standen sie vor dem Tor des Kirchhofes.
»Dort ist das Haus, in dem du wohnen mußt, neben der Leichenkammer«,
sagte das Mädchen und wies mit der Hand
durch die Gitterstäbe des Tores an das andere Ende des
Kirchhofes hin, wo ein kleines Haus stand, ganz mit Efeu bewachsen.
»So, so, hier ist es also«, nickte der Fremde und übersah langsam
sein neues Land von einem Ende zum anderen. »Das war
wohl ein alter Mann, der hier Totengräber war?« fragte er.
»Ja, ein sehr alter Mann. Er hat mit seiner Frau hier gewohnt,
und die Frau war auch sehr alt. Sie ist gleich nach seinem Tod
fortgezogen, ich weiß nicht wohin.«
Der Fremde sagte nur: »so« und schien an etwas ganz anderes
zu denken. Und plötzlich wandte er sich an Gita: »Du mußt
jetzt gehen, Kind, es ist spät geworden. Fürchtest du dich
nicht allein?«
»Nein, ich bin immer allein. Aber du, fürchtest du dich nicht,
hier draußen?«
Der Fremde schüttelte den Kopf und faßte die Hand des
Mädchens und hielt sie mit leisem, sicherem Druck: »Ich bin
auch immer allein -« sagte er leise, und da flüsterte das Kind
auf einmal atemlos: »Horch.« Und sie hörten beide eine
Nachtigall, die in der Dornenhecke des Kirchhofes zu singen
begann, und sie waren ganz umgeben von dem schwellenden
Schall und wie überschüttet von dieses Liedes Sehnsucht und
Seligkeit.
Am nächsten Morgen begann der neue Totengräber von San
Rocco sein Amt. Er faßte es seltsam genug auf Er schuf den
ganzen Kirchhof um und machte einen großen Garten daraus.
Die alten Gräber verloren ihre nachdenkliche Traurigkeit
und verschwanden unter dem Blühen der Blumen und
dem Winken der Ranken. Und drüben, jenseits des mittleren
Weges, wo bisher leerer, ungepflegter Rasen gewesen war,
bildete der Mann viele kleine Blumenbeete, den Gräbern auf
der anderen Seite ähnlich, so, daß die beiden Hälften des
Kirchhofes einander das Gleichgewicht hielten. Die Leute,
welche aus der Stadt herauskamen, konnten ihre lieben Gräber
gar nicht gleich wiederfinden, ja es geschah, daß irgend
ein altes Mütterchen bei einem der leeren Beete an der rechten
Wegseite kniete und weinte, ohne daß dieses greise Gebet
deshalb ihrem Sohne verloren ging, der fern drüben unter
hellen Anemonen lag. Aber die Leute von San Rocco, welche
diesen Kirchhof sahen, litten nicht mehr so sehr unter dem
schweren Tod. Wenn einmal jemand starb (und es traf meist
alte Leute in diesem denkwürdigen Frühjahr), so mochte der
Weg hinaus zwar immer noch recht lang und trostlos sein,
draußen aber wurde es immer etwas wie ein kleines, stilles
Fest. Blumen schienen von allen Seiten herbeizudrängen und
sich so schnell über die dunkle Grube zu stellen, daß man
meinen konnte, der schwarze Mund der Erde habe sich nur
aufgetan, um Blumen zu sagen, tausend Blumen.
Gita sah alle diese Veränderungen; sie war fast immer draußen
bei dem Fremden. Sie stand neben seiner Arbeit und
stellte Fragen und er antwortete; der Rhythmus des Grabens
war in ihren Gesprächen, die der Lärm des Spatens häufig
unterbrach. »Weit, aus Norden«, sagte der Fremde auf eine
Frage. »Von einer Insel,« und er bückte sich und raffte Unkraut
zusammen, »vom Meer. Von einem anderen Meer. Einem Meer,
das mit dem eueren (ich höre es manchmal atmen
tief in der Nacht, obwohl es mehr als zwei Tagreisen entfernt
ist) wenig gemein hat. Unser Meer ist grau und grausam,
und es hat die Menschen, die daran wohnen, traurig und still
gemacht. Im Frühling trägt es unendliche Stürme herüber,
Stürme, in denen nichts wachsen kann, so daß der Mai ungenutzt
vorübergeht, und im Winter friert es zu und macht alle
zu Gefangenen, die auf den Inseln wohnen.«
»Wohnen viele auf den Inseln?«
»Nicht viele.«
»Auch Frauen?«
»Auch.«
»Und Kinder?«
»Ja, Kinder auch.«
»Und Tote?«
»Und sehr viel Tote; denn viele, viele bringt das Meer und
legt sie in der Nacht an den Strand, und wer sie findet,
erschrickt nicht, sondern nickt nur, nickt wie einer, der es
längst weiß. Es gibt bei uns einen alten Mann, der hat von einer
kleinen Insel zu erzählen gewußt, zu der das graue Meer
so viel Tote brachte, daß den Lebenden kein Raum mehr
blieb. Sie waren wie belagert von Leichen. Das ist vielleicht
nur eine Geschichte und vielleicht irrt sich der alte Mann, der
sie erzählt. Ich glaube sie nicht. Ich glaube, daß das Leben
stärker ist als der Tod.«
Gita schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Und doch ist Mutter
gestorben.«
Der fremde Mann hörte auf zu arbeiten und stützte sich auf
den Spaten: »Ja, ich weiß auch eine Frau, die gestorben ist.
Aber die wollte es. «
»Ja,« sagte Gita ernst, »ich kann mir denken, daß man es
will.«
»Die meisten Menschen wollen es, und darum sterben auch
die wenigen, welche leben wollen; sie werden mitgerissen,
man fragt sie nicht. Ich bin weit in der Welt herumgekommen,
Gita, ich habe mit vielen Menschen gesprochen und
habe sie gefragt nach ihrem Herzen. Aber es war keiner unter
ihnen, der nicht sterben wollte. Gesagt freilich, gesagt hat
mancher das Gegenteil, und seine Furcht hat ihn darin bestärkt;
aber was sagen die Menschen nicht alles. Dahinter war
ihr Wille, der Wille, der nicht spricht, und der fiel, fiel auf den
Tod zu, wie die Frucht vom Baum. Da gibt es kein
Aufhalten.«
So kam der Sommer. Und jeder neue Tag, der mit dem Erwachen
der kleinen Vögel begann, fand Gita draußen bei
dem fremden Mann aus Norden. Zu Hause warnte man sie,
man tadelte sie, man versuchte Gewalt und Strafe an ihr, sie
zurückzuhalten: es war alles umsonst. Gita fiel dem Fremden
zu wie ein Erbteil. Einmal ließ ihn der Podestà rufen und das
war ein gewaltiger Mann mit einer breiten drohenden
Stimme. »Ihr habt ein Einsamkind, Messer Vignola«, sagte
der Fremde auf alle Vorwürfe zu ihm, ruhig und indem er
sich ein wenig verneigte. »Ich kann ihr nicht verwehren bei
mir und in ihrer Mutter Nähe zu sein. Ich habe ihr nichts
geschenkt, noch versprochen und mit keinem Wort hab ich sie
jemals gerufen. « Das sagte er ehrerbietig und sicher und
ging, da er es gesagt hatte; denn es war nichts hinzuzufügen.
Jetzt blühte der Garten draußen und dehnte sich aus in seinen
vier Hecken und lohnte der Arbeit, die um ihn getan worden
war. Und manchmal konnte man früher Feierabend machen
und auf der kleinen Bank vor dem Hause sitzen und sehen,
wie es auf eine leise und erhabene Art Abend wurde. Dann
fragte Gita und der Fremde antwortete und zwischendurch
hatten sie lange Schweigsamkeiten, in denen die Dinge zu ihnen
redeten. »Heute will ich dir von einem Manne erzählen,
wie ihm seine liebe Frau starb«, begann der Fremde einmal
nach einem solchen Schweigen, und seine Hände zitterten,
eine in der anderen. »Es war Herbst und er wußte, daß sie
sterben würde. Die Ärzte sagten es; doch die hätten immerhin
irren können; aber sie selbst, die Frau, sagte es lange vor
ihnen. Und sie irrte nicht.«
» Wollte sie sterben?« fragte Gita, weil der Fremde eine Pause
machte.
»Sie wollte, Gita. Sie wollte etwas anderes als leben. Es wa-
ren ihr immerzu viele um sie her, sie wollte allein sein. Ja, das
wollte sie. Als Mädchen, da war sie nicht allein wie du; und
als sie heiratete, da wußte sie, daß sie allein war; sie aber
wollte allein sein und es nicht wissen.«
»War ihr Mann nicht gut?«
»Er war gut, Gita; denn er liebte sie und sie liebte ihn, und
doch, Gita, berührten sie einander nicht. Die Menschen sind
so furchtbar weit voneinander; und die, welche einander lieb
haben, sind oft am weitesten. Sie werfen sich all das Ihrige zu
und fangen es nicht, und es bleibt zwischen ihnen liegen irgendwo
und türmt sich auf und hindert sie endlich noch, einander zu
sehen und aufeinander zuzugehen. Aber ich wollte
dir von der Frau erzählen, welche starb. Sie starb also. Es war
am Morgen und der Mann, der nicht geschlafen hatte, saß bei
ihr und sah wie sie starb. Sie richtete sich plötzlich auf und
hob ihren Kopf und ihr Leben schien ganz in ihr Gesicht
eingetreten und hatte sich dort versammelt und stand wie
hundert Blumen in ihren Zügen. Und der Tod kam und riß es ab
mit einem Griff, riß es heraus wie aus weichem Lehm und
ließ ihr Angesicht weit ausgezogen, lang und spitz zurück.
Ihre Augen standen offen und gingen immer wieder auf,
wenn man sie schloß, wie Muscheln, in denen das Tier gestorben
ist. Und der Mann, der es nicht ertragen konnte, daß
Augen, die nicht sahen, offen standen, holte aus dem Garten
zwei späte harte Rosenknospen und legte sie auf die Lider, als
Last. Nun blieben die Augen zu und er saß und sah lange in
das tote Gesicht. Und je länger er es ansah, desto deutlicher
empfand er, daß noch leise Wellen von Leben an den Rand ihrer
Züge heranspülten und sich langsam wieder zurückzogen. Er
erinnerte sich dunkel, in einer sehr schönen Stunde
dieses Lebens auf ihrem Gesichte gesehen zu haben, und er
wußte, daß es ihr heiligstes Leben sei, das, dessen Vertrauter
er nicht geworden war. Der Tod hatte dieses Leben nicht aus
ihr geholt; er hatte sich täuschen lassen von dem Vielen, das
in ihre Züge getreten war; das hatte er fortgerissen, zugleich
mit dem sanften Umriß ihrer Profile. Aber das andere Leben
war noch in ihr; vor einer Weile war es bis an die stillen Lippen
herangeflutet und jetzt trat es wieder zurück, floß lautlos
nach innen und sammelte sich irgendwo über ihrem zersprungenen
Herzen.
Und der Mann, der diese Frau geliebt hatte, hilflos geliebt,
wie sie ihn, der Mann empfand eine unsagbare Sehnsucht,
dieses Leben, welches dem Tod entgangen war, zu besitzen.
War er nicht der Einzige, der es empfangen durfte, der Erbe
ihrer Blumen und Bücher und der sanften Gewänder, welche
nicht aufhörten nach ihrem Leibe zu duften. Aber er wußte
nicht, wie er diese Wärme, die so unerbittlich aus ihren Wangen
zurückfloß, festhalten, wie er sie fassen, womit er sie
schöpfen sollte? Er suchte die Hand der Toten, die leer und
offen, wie die Schale einer entkernten Frucht, auf der Decke
lag; die Kälte dieser Hand war gleichmäßig und stumm und
sie gab bereits völlig das Gefühl eines Dinges, welches eine
Nacht im Tau gelegen hat, um dann in einem morgendlichen
Wind rasch kalt und trocken zu werden. Da plötzlich bewegte
sich etwas im Gesichte der Toten. Gespannt sah der
Mann hin. Alles war still, aber auf einmal zuckte die Rosenknospe,
die über dem linken Auge lag. Und der Mann sah,
daß auch die Rose auf dem rechten Auge größer geworden
war und immer noch größer wurde. Das Gesicht gewöhnte
sich an den Tod, aber die Rosen gingen auf wie Augen, welche
in ein anderes Leben schauten. Und als es Abend geworden
war, Abend dieses lautlosen Tages, da trug der Mann
zwei große, rote Rosen in der zitternden Hand ans Fenster. In
ihnen, die vor Schwere schwankten, trug er ihr Leben, den
Überfluß ihres Lebens, den auch er nie empfangen hatte.«
Der Fremde stützte den Kopf in die Hand und saß und
schwieg. Als er sich rührte, fragte Gita:
»Und dann?«
»Dann ging er fort, ging, was hätte er sonst tun sollen? Aber
er glaubte nicht an den Tod, glaubte nur, daß die Menschen
nicht zu einander können, die Lebenden nicht und nicht die
Toten. Und das ist ihr Elend, nicht, daß sie sterben.«
»Ja, das weiß ich auch schon, du, daß man nicht helfen kann«,
sagte Gita traurig. »Ich habe ein kleines weißes Kaninchen
gehabt, das ganz zahm war und nie sein konnte ohne mich.
Und dann wurde es krank, der Hals schwoll ihm an, und es
hatte Schmerzen wie ein Mensch. Und es sah mich an und
bat, bat mit seinen kleinen Augen, hoffte, glaubte, daß ich
helfen würde. Und endlich ließ es ab, mich anzusehen, und
starb in meinem Schooß, wie allein, wie hundert Meilen von
mir.«
»Man soll kein Tier an sich gewöhnen, Gita, das ist wahr.
Man lädt eine Schuld auf sich damit, man verspricht und man
kann nicht halten. Ein fortwährendes Versagen ist unser Teil
bei diesem Verkehr. Und es ist bei den Menschen nicht anders,
nur daß da immer beide schuldig werden, einer am anderen.
Und das heißt, sich lieb haben: aneinander schuldig
werden, nicht mehr, Gita, nicht mehr.«
»Ich weiß,« sagte Gita, »aber das ist viel.«
Und dann gingen sie zusammen, Hand in Hand auf dem
Kirchhof umher und dachten nicht, daß es anders sein
könnte, als es war.
Und doch wurde es anders. Es kam der August und ein Tag
im August, da die Gassen der Stadt wie im Fieber waren,
schwer, bang, ohne Wind. Der fremde Mann erwartete Gita
an der Kirchhofstür, bleich und ernst.
»Ich habe einen bösen Traum gehabt, Gita«, rief er ihr zu.
»Geh nach Hause und komm nicht wieder her, eh ich dich
wissen lasse, daß du kommen sollst. Ich werde vielleicht viel
Arbeit haben jetzt. Leb wohl. «
Sie aber warf sich ihm an die Brust und weinte. Und er ließ
sie weinen, so lange sie wollte, und sah ihr lange nach, als sie
ging. Er hatte sich nicht geirrt; es begann ernsthafte Arbeit.
Täglich kamenjetzt zwei oder drei Leichenzüge heraus. Viele
Bürger folgten ihnen; es waren reiche und festliche Begräbnisse,
bei denen Weihrauch und Gesang nicht fehlte. Der
Fremde aber wußte, was noch niemand ausgesprochen hatte:
Die Pest war in der Stadt. Die Tage wurden immer heißer
und stechender unter den tödlichen Himmeln, und die
Nächte kamen und kühlten nicht. Und Entsetzen und Angst
legte sich auf die Hände derer, die ein Handwerk trieben, und
auf die Herzen derjenigen, welche liebten - und lähmte sie.
Und es war eine Stille in den Häusern, wie am größten Feiertag,
oder wie mitten in der Nacht. Aber die Kirchen waren
erfüllt von verstörten Gesichtern. Und plötzlich begannen
die Glocken zu läuten, alle, fuhren auf, brachen in Klänge
aus: als hätten wilde Tiere die Glockenstricke angesprungen
und sich verbissen in ihnen: so läuteten sie, atemlos.
In diesen schrecklichen Tagen war der Totengräber der Einzige,
der arbeitete. Seine Arme erstarkten bei den größeren
Anforderungen seines Amtes, und es war sogar eine gewisse
Frohheit in ihm, die Frohheit seines Blutes, welches sich
rascher bewegte.
Aber eines Morgens, als er nach kurzem Schlaf erwachte,
stand Gita vor ihm. »Bist du krank?«
»Nein, nein.« Und er begriff erst allmählich, was sie, hastig
und verworren, sprach.
Sie sagte, die Leute von San Rocco seien unterwegs, gegen
ihn. Sie wollten ihn töten, denn »du, sagen sie, hast die Pest
heraufbeschworen. Du hast auf der leeren Seite des Kirchhofes,
wo nichts war, Hügel gemacht, Gräber, sagen sie, und
hast die Leichen gerufen mit diesen Gräbern. Flieh, flieh!« bat
Gita und warf sich in die Knie, heftig, als stürzte sie von der
Höhe eines Turmes. Und aufdem Wege war schon ein dunkler
Haufen zu sehen, der schwoll und näher kam. Staub
voran. Und aus dem dumpfen Gemurmel der Menge lösen
sich schon einzelne Worte und drohen. Und Gita springt auf
und fällt wieder in die Knie und will den Fremden mit sich
ziehen.
Er aber steht wie aus Stein, steht und befiehlt ihr,
hineinzugehen in sein Haus und zu warten. Sie gehorcht. Sie hockt im
Haus hinter der Tür, und das Herz klopft ihr im Hals und in
den Händen, überall.
Da kommt ein Stein, wieder ein Stein; man hört sie beide in
die Hecke schlagen. Gita erträgt es nicht mehr. Sie reißt die
Türe auf und läuft, läuft gerade auf den dritten Stein zu, der
ihr die Stirne zerschlägt. Der Fremde fängt sie auf, wie sie
fällt, und trägt sie hinein in sein kleines, dunkles Haus. Und
das Volk johlt und ist schon ganz nahe an der niedrigen
Hecke, die es nicht aufhalten wird. Aber da geschieht etwas
Unerwartetes, Furchtbares. Der kleine Schreiber mit dem
Kahlkopf, Theophilo, hängt sich plötzlich an seinen Nachbar,
den Schmied aus der Gasse vicolo Sma Trinità. Er taumelt
und seine Augen verdrehen sich auf eine seltsame Art. Und
zugleich beginnt in der dritten Reihe ein Knabe zu schwanken
und hinter ihm schreit eine Frau, eine Schwangere, auf,
schreit, schreit, und alle kennen diesen Schrei undjagen auseinander,
wahnsinnig vor Angst. Der Schmied, ein großer
starker Mann, zittert und schüttelt den Arm, an dem der
Schreiber gehangen hat, als wollte er ihn von sich schleudern,
schüttelt und schüttelt.
Und drinnen im Hause kommt Gita, die auf dem Bette liegt,
noch einmal zu sich und horcht.
»Sie sind fort«, sagt der Fremde, der über sie gebeugt ist. Sie
kann ihn nicht mehr sehen, aber sie tastet leise über sein
gesenktes Gesicht, um doch noch einmal zu wissen, wie es war.
Ihr ist, als hätten sie lange zusammen gelebt, der Fremde und
sie, Jahre und Jahre.
Und plötzlich sagt sie: »Die Zeit macht es nicht, nicht
wahr?«
»Nein,« sagt er, »Gita, die Zeit macht es nicht.« Und er
weiß, was sie meint. So stirbt sie.
Und er gräbt ihr ein Grab am Ende des Mittelweges, in dem
reinen glänzenden Kies. Und der Mond kommt und es ist, als
ob er in Silber grübe. Und er legt sie hinein auf Blumen und
deckt sie mit Blumen zu. »Du Liebe«, sagt er und steht eine
Weile still. Aber gleich darauf, als hätte er Angst vor dem
Stillestehen und vor dem Nachdenken, beginnt er zu arbeiten.
Sieben Särge stehen noch unbeerdigt; man hat sie im
Laufe des letzten Tages heraus gebracht. Ohne viel Gefolge,
obwohl in dem einen, besonders breiten Eichensarg GianBattista
Vignola liegt, der Podestà.
Alles ist anders geworden. Würden gelten nicht mehr. Statt
eines Toten mit vielen Lebenden, kommtjetzt immer ein Lebender
und bringt auf seinem Karren drei, vier Särge mit.
Der rote Pippo, der das zu seinem Geschäft gemacht hat.
Und der Fremde mißt, wie viel Raum er noch hat. Raum für
etwa fünfzehn Gräber. Und so beginnt er seine Arbeit, und
zuerst ist sein Spaten die einzige Stimme in der Nacht. Bis
man wieder das Sterben hört aus der Stadt. Denn jetzt hält
sich keiner mehr zurück; es ist kein Geheimnis mehr. Wen die
Krankheit packt oder auch nur die Angst davor, der schreit
und schreit und schreit, bis es zu Ende ist. Mütter fürchten
sich vor ihren Kindern, keiner erkennt mehr den anderen,
wie in ungeheurer Dunkelheit. Einzelne Verzweifelte halten
Gelage und werfen die trunkenen Dirnen, wenn sie zu taumeln
beginnen, aus den Fenstern hinaus, in Angst, die
Krankheit könnte sie ergriffen haben.
Aber der Fremde draußen gräbt ruhig fort. Er hat das Gefühl:
so lang er Herr ist hier, in diesen vier Hecken, so lang er hier
ordnen kann und bauen, und wenigstens außen, wenigstens
durch Blumen und Beete, diesem wahnwitzigen Zufäll einen
Sinn geben und ihn mit dem Land ringsherum versöhnen
und in Einklang bringen kann, so lange hat der andere nicht
Recht, und es kann ein Tag kommen, wo er - der andere -
müd wird, nachgibt. Und zwei Gräber sind schon fertig.
Aber da kommt es: Lachen, Stimmen, und ein Wagen knarrt.
Der Wagen ist über und über mit Leichen beladen. Und der
rote Pippo hat Genossen gefunden, die ihm helfen. Und sie
greifen blind und gierig hinein in den Überfluß und zerren einen
heraus, der sich zu wehren scheint, und schleudern ihn
über die Hecke auf den Kirchhof. Und wieder einen. Der
Fremde schafft ruhig weiter. Bis ihm der Körper eines jungen
Mädchens, nackt und blutig, mit mißhandeltem Haar, vor
die Füße fällt. Da droht der Totengräber hinaus in die Nacht.
Und er will wieder an seine Arbeit gehen. Aber die trunkenen
Bursche sind nicht aufgelegt, sich befehlen zu lassen.
Immer wieder taucht der rote Pippo auf, hebt die flache Stirne
und wirft einen Körper über die Hecke. So stauen sich die
Leichen um den ruhigen Arbeiter auf. Leichen, Leichen, Leichen.
Schwerer und schwerer geht der Spaten. Die Hände
der Toten selbst scheinen sich wehrend darauf zu legen. Da
hält der Fremde an. Auf seiner Stirne steht Schweiß. In seiner
Brust ringt etwas. Dann tritt er näher an die Hecke heran,
und als wieder Pippos roter, runder Kopf sich hebt, schwingt
er mit weitem Ausholen den Spaten, fühlt wie er trifft und
sieht noch, daß er schwarz und naß ist, wie er ihn
zurückzieht. Er wirft ihn in weitem Bogen fort, und senkt die Stirn.
Und so geht er langsam aus seinem Garten, in die Nacht: ein
Besiegter. Einer, der zu früh gekommen ist, viel zu früh.