»Man muß sterben, weil man sie kennt«

(»Papyrus Prisse«. Aus den Sprüchen des Ptah-hetep, Handschrift um 2000 vor Chr.)
»Man muß sterben, weil man sie kennt.« Sterben
an der unsäglichen Blüte des Lächelns. Sterben
an ihre leichten Händen. Sterben
an Frauen.
Singe der Jüngling die tödlichen,
wenn sie ihm hoch durch den Herzraum
wandeln. Aus seiner blühenden Brust
sing er sie an:
unerreichbare! Ach wie sie fremd sind.
Über den Gipfeln
seines Gefühls gehn sie hervor und ergießen
süß verwandelte Nacht ins verlassene
Tal seiner Arme. Es rauscht
Wind ihres Aufgangs im Laub seines Leibes. Es glänzen
seine Bäche dahin.
Aber der Mann
schweige erschütterter. Er, der
pfadlos die Nacht im Gebirg
seiner Gefühle geirrt hat:
schweige.
Wie der Seemann schweigt, der ältere,
und die bestandenen
Schrecken spielen in ihm wie in zitternden Käfigen.
Wo wir uns hier, in einander drängend, nicht
nie finden; beginnen die Engel
sich zu gewahren, und durch die tiefere Näh
in heiligem Eilschritt wandeln sie endlos sich an.
Rainer Maria Rilke


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