Die Flucht
Die Kirche war ganz leer.
Durch das bunte Glasfenster über dem Hauptaltar brach der
Abendstrahl, breit und schlicht, wie alte Meister ihn auf der
Verkündigung Mariens darstellen, in das Hauptschiff und frischte
die verblaßten Farben des Stufenteppichs auf. Dann durchschnitt
der Lettner mit seinen barocken Holzsäulen den Raum, und jenseits
desselben wurde es immer dunkler, und die kleinen ewigen Lampen
blinzelten immer verständnisvoller vor den nachgedunkelten
Heiligen.
Hinter dem letzten, plumpen Sandsteinpfeiler war es ganz Nacht. Dort
saßen sie, und über den beiden hing ein altes
Stationsbild. Das blasse Mädchen drückte ihre lichtbraune
Jacke in die dunkelste Ecke der schweren, schwarzen Eichenbank. Die
Rose auf ihrem Hut kitzelte dem Holzengel in der
geschnitzten Lehne das Kinn, so daß er lächelte. Fritz, der
Gymnasiast, hielt die beiden winzigen Hände des Mädchens,
welche in zerschlissenen Handschuhen staken, in den seinen, so wie man
ein kleines Vögelchen hält, sanft und doch sicher. Er war
glücklich und träumte: sie werden die Kirche zusperren und
uns nicht bemerken, und wir werden ganz allein sein. Gewiß gehen
Geister hier in der Nacht. Sie schmiegten sich fest aneinander, und
Anna flüsterte ängstlich: »Ists nicht schon
spät?« Da fiel ihnen beiden ein Trauriges ein; ihr -
der Platz am Fenster, an dem sie tagaus tagein nähte; man sah
eine häßliche, schwarze Feuermauer von dort und niemals
Sonne. Ihm - sein Tisch, voll mit Lateinheften, auf dem
aufgeschlagen lag Πλάτων
συμπόσιον. Die beiden
Menschen schauten vor sich hin, und ihre Blicke gingen derselben
Fliege nach, welche durch die Rillen und Runen der Betbank pilgerte.
Sie sahen sich in die Augen.
Anna seufzte.
Fritz legte leise und hütend den Arm um sie und sagte:
»Wer doch so fort könnte.«
Anna blickte ihn an und sah die Sehnsucht, die in seinen Augen
leuchtete. Sie senkte die Lider, wurde rot und hörte:
»Überhaupt sie sind mir verhaßt, gründlich
verhaßt. Weißt du: wie sie mich ansehen, wenn ich von dir
komme. Sie sind lauter Mißtrauen und Schadenfreude. Ich bin kein
Kind mehr. Heut oder morgen, wenn ich was verdienen kann, gehen wir
zusammen, weit fort. Allen zum Trotz.«
»Hast du mich lieb?« Das blasse Kind lauschte.
»Unbeschreiblich lieb.« Und Fritz küßte ihr die
Frage von den Lippen.
»Wird das bald sein, daß du mich mit dir nimmst?«
zögerte die Kleine. Der Gynmasiast schwieg. Er hob
unwillkürlich den Blick, ging der Kante des plumpen
Sandsteinpfeilers nach und las über dem alten Stationsbild:
«Vater vergieb ihnen...«
Da forschte er ärgerlich: «Ahnen sie was bei dir zu
Haus?«
Er drängte die Anna: »Sag.«
Sie nickte ganz leis.
«So«, wütete er, «ich sags ja, also doch. Diese
Klatschbasen. Wenn ich nur...« Er grub den Kopf in die
Hände.
Anna lehnte sich an seine Schulter. Sie sagte einfach:
«Sei nicht traurig.«
So verharrten sie.
Plötzlich sah der junge Mensch auf und sagte:
»Komm fort mit mir!«
Anna zwang ein Lächeln in ihre schönen Augen, welche voll
Tränen waren. Sie schüttelte den Kopf und sah sehr hilflos
aus. Und der Student hielt wieder wie früher ihre winzigen
Hände, die in schlechten Handschuhen staken. Er sah in das lange
Hauptschiff hinein Die Sonne war erloschen, und die bunten
Glasfenster waren häßliche, mattfarbene Kleckse. Es war
still.
Dann begann hoch in der Halle ein Piepsen. Beide schauten auf. Sie
bemerkten eine verirrte kleine Schwalbe, welche müden, ratlosen
Flügeln das Freie suchte.
Auf dem Heimweg dachte der Gymnasiast an ein verabsäumtes
lateinisches Pensum. Er beschloß, noch zu arbeiten, trotz des
Widerwillens, den er hatte, und trotz aller Müdigkeit. Aber fast
unwillkürlich machte er einen großen Umweg, verirrte sich
sogar ein wenig in der sonst gut bekannten Stadt, und es war Nacht,
als er in seine enge Stube trat. Auf den Lateinheften lag ein kleines
Briefchen. Er las bei der unsicher flackernden Kerze:
»Sie wissen alles. Ich schreibe Dir unter Tränen. Der Vater
hat mich geschlagen. Es ist schrecklich. Jetzt lassen sie mich nie
mehr allein ausgehen. Du hast recht. Komm fort. Nach Amerika oder
wohin du willst. Ich bin morgen früh um sechs Uhr auf der
Bahn. Da geht ein Zug. Vater Fährt immer auf die Jagd
damit. Wohin - weiß ich nicht. Ich schließe. Es kommt
jemand.
Also erwarte mich. Bestimmt. Morgen um sechs. Bis in den
Tod
Deine Anna
Es war niemand. Wohin, glaubst Du, gehen wir? Hast Du Geld? Ich habe
acht Gulden. Diesen Brief schick ich Dir durch unser
Dienstmädchen an das euere. Mir ist jetzt gar nicht mehr
bang.
Ich glaube, Deine Tante Marie hat geklatscht. Sie hat uns also Sonntag
doch gesehen.
Der Gymnasiast ging in großen und energischen Schritten auf und
nieder. Er fühlte sich wie befreit. Sein Herz pochte heftig. Er
empfand auf einmal: Mann sein. Sie vertraut sich mir an. Ich darf sie
beschützen. Er war sehr glücklich und wußte: Sie wird
mir ganz gehören. Das Blut stieg ihm in den Kopf. Er mußte
sich setzen, und dann kam ihm in den Sinn: Wohin?
Diese Frage wollte nicht schweigen. Fritz übertönte sie
dadurch, daß er aufsprang und Vorbereitungen machte. Er legte
ein
wenig Wäsche und ein paar Kleider zurecht und preßte die
ersparten Guldenscheine in das schwarze Ledertäschchen. Er war voll Eifer, schob ganz unnütz alle Laden
auf, nahm Gegenstände und trug sie wieder an ihren alten Platz,
warf die Hefte vom Tische in irgend eine Ecke und zeigte seinen vier
Wänden mit prahlerischer Deutlichkeit:
Hier ist Auswanderung, Schluß.
Mitternacht war vorbei, als er am Bettrand niedersaß. Er dachte
nicht ans Schlafen. Angekleidet legte er sich hin, nur weil ihn,
wahrscheinlich vom vielen Bücken, der Rücken schmerzte. Er
dachte noch einigemal: Wohin? und sagte laut:
»Wenn man sieh wirklich lieb hat...«
Die Uhr tickte. Tief unten fuhr ein Wagen vorbei, und die Scheiben
zitterten davon. Die Uhr, die noch von den Zwölfschlägen
müde war, atmete auf und sagte mühsam
«Eins«. Mehr konnte sie nicht.
Und Fritz hörte es noch wie aus weiter Ferne und dachte:
Wenn man sich... wirklich......
Aber im allerersten Morgengrauen saß er fröstelnd in den
Kissen und wußte bestimmt: Ich mag Anna nicht mehr. Sein Kopf
war so schwer: Ich mag Anna nicht mehr. War das ihr Ernst? Um ein paar
Schläge auf und davon laufen. Wohin denn? Er sann nach, als
hätte sie's ihm anvertraut: Wohin wollte sie denn? Irgendwohin,
irgendwohin. Er empörte sich: Und ich? Ich sollte natürlich
alles im Stiche lassen, meine Eltern und -
alles. Oh und die Zukunft, das Hernach. Wie dumm das war von Anna, wie
häßlich. Ich möchte sie schlagen, wenn sie das
imstande wäre.
Als ihm die frühe Maisonne, so recht hell und heiter, in die
Stube kam, hoffte er: Sie kann es nicht ernst gemeint haben.
Er beruhigte sich ein wenig und hatte viel Lust, im Bett zu
bleiben. Allein er sagte sich: Auf den Bahnhof will ich gehen und sehen,
daß sie nicht kommt. Und er malte sich die Freude aus, wenn Anna
nicht kommt.
Wie im Übermut trat er hinter eine Säule. Er wollte den Fahr
plan studieren, um zu erfahren, wohin denn dieser verhäng
nisvolle Sechsuhrzug eigentlich führe. Er las mechanisch die
Stationen und machte ein Gesicht wie einer, der eine drollige Treppe
besieht, auf der er fast gestürzt wäre. Da klappten schnelle
Schritte auf den Fliesen. Als Fritz aufschaute, er haschte sein Blick
eben noch an der Perrontüre die kleine Ge stalt in der gelben
Jacke und dem Hute, auf welchem eine Rose schwankte.
Fröstelnd in der frühen Frische und mit großer
Müdigkeit in den Knieen ging er auf den Bahnhof. Die Vorhalle war
leer. Halb ängstlich, halb hoffnungsvoll hielt er Umschau. Keine
gelbe Jacke. Fritz atmete auf. Er durchlief alle Gänge und
Säle. Reisende gingen verschlafen und teilnahmslos auf und
nieder, Gepäcksdiener lümmelten an hohen Säulen, und
Leute aus der untersten Klasse saßen verdrossen, an Bündel
und Körbe gelehnt, auf staubigen Fensterbänken. Keine gelbe
Jacke. Der Portier rief irgendwo in einem Wartesaal Ortsnamen. Er
läutete mit einer schrillen Glocke. Dann schnarrte er dieselben
Ortsnamen ganz nah und dann noch einmal auf dem Bahnsteig. Und immer
läutete davor die häßliche Glocke. Fritz wandte sich
und schlenderte, die Hände in die Taschen bohrend, in die
Vorhalle des Bahnhofes zurück. Er war sehr zufrieden und dachte
mir Siegermiene: Keine gelbe Jacke. Ich wußte es ja.
Wie im Übermut trat er hinter eine Säule. Er wollte den
Fahrplan studieren, um zu erfahren, wohin denn dieser
verhängnisvolle Sechsuhrzug eigentlich führe. Er las
mechanisch die
Stationen und machte ein Gesicht wie einer, der eine drollige Treppe
besieht, auf der er fast gestürzt wäre. Da klappten schnelle
Schritte auf den Fliesen. Als Fritz aufschaute, erhaschte sein Blick
eben noch an der Perrontüre die kleine Gestalt in der gelben
Jacke und dem Hute, auf welchem eine Rose schwankte.
Fritz starrte ihr nach.
Dann überkam ihn eine Furcht vor diesem schwachen, blassen
Mädchen, welches mit dem Leben spielen wollte. Und als bangte er,
sie könnte kommen, ihn finden und ihn zwingen, in die fremde
Welt zu fahren, raffte er sich auf und lief, so schnell er konnte,
ohne sich umzusehen, der Stadt zu.
Fragen und Kommentare an: kasparek@unix-ag.uni-kl.de