Man hat uns in einer Versammlung vorigen Donnerstag aus ihren
Gedichten vorgelesen, Herr V., es geht mir nach, ich weiß mir keinen
Rat, als für Sie hinzuschreiben, was mich beschäftigt, so gut
es mir eben möglich ist.
Den Tag nach jener Vorlesung geriet ich zufällig
in eine christliche Vereinigung, und vieleicht ist das recht eigentlich
der Anstoß gewesen, der die Zündung verursacht hat, die solche
Bewegung und Treibung auslöst, daß ich mit allen meinen Kräften
auf sie zufahre. Es ist eine ungeheure Gewaltsamkeit, etwas anzufangen.
Ich kann nicht anfangen. Ich springe einfach über das, was
Anfang seien müßte, weg. Nichts ist so stark wie das Schweigen.
Würden wir nicht schon jeder mitten ins Reden hineingeboren, es wäre
nie gebrochen worden.
Herr V. Ich spreche nicht von dem Abend, da wir Ihre
Dichtungen aufnahmen. Ich spreche von dem anderen. Es treibt mich zu sagen:
Wer, ja, - anders kann ich es jetzt nicht ausdrücken, wer ist
denn diese Christus, der sich in alles hineinmischt. - Der nicht von uns
gewußt hat, nicht von unser Arbeit, nicht von unser Not, nichts von
unserer Freude, so wie wir sie heute leisten, durchmachen und aufbringen
-, und der doch, so scheint es, immer wieder verlangt, in unserem Leben
der erste zu sein. Oder legt man ihm das nur in den Mund? Was will
er von uns? Er will uns helfen, heißt es. Ja, aber er stellt sich
eigentümlich ratlos an in unserer Nähe. Seine Verhältnisse
waren so weitaus andere. Oder kommt es wirklich auf die Umstände nicht
an, wenn er hier einträte, bei mir, in meinem Zimmer, oder dort in
der Fabrik - wäre sofort alles anders, gut? Würde mein Herz in
mir aufschlagen uns sozusagen in einer anderen Schicht weitergehen und
immer auf ihn zu? Mein Gefühl sagt mir, daß er nicht kommen
kann. Daß es keinen Sinn hätte. Unsere Welt ist nicht
nur äußerlich eine andere, - sie hat keinen Zugang für
ihn. Er schiene nicht durch einen fertig gekauften Rock, es ist
nicht wahr, er schiene nicht durch. Es ist kein Zufall, daß er in
einem Kleid ohne Naht herumging, und ich glaube, der Lichtkern in ihm,
das was ihn so stark scheinen machte, Tag und Nacht, ist jetzt längst
aufgelöst und anders verteilt. Aber das wäre ja auch auch, meine
ich, wenn er so groß war, das Mindeste, was wir von ihm fordern können,
daß er irgendwie ohne Rest aufgegangen sei, ja ganz ohne Rest - spurlos
..
Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Kreuz
bleiben sollte, das doch nur ein Kreuzweg war. Es sollte uns gewiß
nicht überall aufgeprägt werden wie ein Brandmal. In ihm selbst
sollte es aufgelöst sein. Denn, es ist nicht so: er wollte
einfach den höheren Baum schaffen, an dem wir besser reifen können.
Er, am Kreuz, ist dieser neue Baum in Gott, und wir sollten warme glückliche
Früchte sein, oben daran.
Wenn ich sage Gott, so ist das eine große, nie
erlernte Überzeugung in mir. Die ganze Kreatur, kommt mir vor, sagt
dieses Wort, ohne Überlegung, wenn auch oft aus tiefer Nachdenklichkeit.
Wenn dieser Christus uns geholfen hat, es mit heller Stimme, voller, gültiger
zu sagen, um so besser, aber laßt ihn doch endlich aus dem Spiel.
Zwingt uns nicht immer zu dem Rückfall in die Mühe und die Trübsal,
die es ihn gekostet hat, uns, wie ihr sagt, zu "erlösen". Laßt
uns endlich dieses Erlöstsein antreten. - Da wäre ja sonst noch
das Alte Testament noch besser dran, das voller Zeigefinger ist, auf Gott
zu, wo man es aufschlägt, und immer fällt einer dort, wenn er
schwer wird, so grade hinein in Gottes Mitte. Und einmal habe ich den Koran
zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber so viel verstand ich,
da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende
seiner Richtung, in einem ewigen Aufgang begriffen, in einem Osten, der
nie alle wird. Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen. Aber die Menschen
sind hier wie Hunde gewesen, die keinen Zeigefinger verstehen und meinen,
sie sollten nach der Hand schnappen. Statt vom Kreuzweg aus, wo nun der
Wegweiser hoch aufgerichtet war in die Nacht der Opferung hinein, statt
von diesem Kreuzweg weiterzugehen, hat sich die Christlichkeit dort angesiedelt
und behauptet, dort in Christus zu wohnen, obwohl doch in ihm keine Raum
war, nicht einmal für seine Mutter, und nicht für Maria Magdalena,
wie in jedem Weisenden, der eine Gebärde ist und kein Aufenthalt.
- Und darum wohnen sie auch nicht in Christus, die Eigensinnigen des Herzens,
die ihn immer wieder herstellen und leben von der Aufrichtung des schiefen
und völlig umgewehten Kreuze. Sie haben dieses Gedränge auf dem
Gewissen, dieses Anstehen auf der überfüllten Stelle, sie tragen
Schuld, daß die Wanderung nicht weitergeht in der Richtung der Kreuzarme.
Sie haben aus dem Christlichen ein métier gemacht, eine bürgerliche
Beschäftigung, sur place, einen abwechselnd abgelassenen und wieder
angefüllten Teich. Alles, was sie selber tun, ihrer ununterdrückbaren
Natur nach (soweit sie noch Lebendige sind), steht im Widerspruch mit dieser
merkwürdigen Anlage, und so trüben sie ihr eigenes Gewässer
und müssen es immer wieder erneun. Sie lassen sich nicht vor Eifer,
das Hiesige, zu dem wir doch Lust und Vertrauen haben sollten, schlecht
und wertlos zu machen, - und so liefern sie die Erde immer mehr denjenigen
aus, die sich bereit finden, aus ihr, der verfehlten und verdächtigten,
die doch zu Besserm nicht tauge, wenigstens einen zeitlichen, rasch ersprießlichen
Vorteil zu ziehen. Diese zunehmende Ausbeutung des Lebens, ist sie nicht
eine Folge, der durch die Jahrhunderte fortgesetzten Entwertung des Hiesigen?
Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken, wo wir hier von Aufgaben
und Erwartungen und Zukünften umstellt sind. Welcher Betrug, Bilder
hiesigen Entzückens zu entwenden, um sie hinter unserm Rücken
an den Himmel zu verkaufen! O es wäre längst Zeit, daß
die verarmte Erde alle jene Anleihen wieder einzöge, die man bei ihrer
Seligkeit gemacht hat, um Überkünftiges damit auszustatten. Wird
der Tod wirklich durchsichtiger durch diese hinter ihm verschleppten Lichtquellen?
Und wird nicht alles hier Fortgenommene, da nun doch kein Leeres sich halten
kann, durch einen Betrug ersetzt, - sind die Städte deshalb von so
viel häßlichen Kunstlicht und Lärm erfüllt, weil man
den echten Glanz und Gesang an ein später zu beziehendes Jerusalem
ausgeliefert hat? Christus mochte recht haben, wenn er, in einer von abgestandenen
und entlaubten Göttern erfüllten Zeit, schlecht vom Irdischen
sprach, obwohl es (ich kann es nicht anders denken) auf eine Kränkung
Gottes hinauskommt, in dem uns hier Gewährten und Zugestandenen nicht
ein, wenn wir es nur gebrauchen, vollkommen, bis an den Rand unserer Sinne
uns Beglückendes zu sehen! Der rechte Gebrauch, das ists. Das
Hiesige recht in die Hand nehmen, herzlich liebevoll, erstaunend, als unser,
vorläufig, Einziges: das ist zugleich, es gewöhnlich zu sagen,
die große Gebrauchsanweisung Gottes, die meinte der heilige
Franz von Assisi aufzuschreiben in seinem Lied an die Sonne, die ihm im
Sterben herrlicher war als das Kreuz, das ja nur dazu da stand, in die
Sonne zu weisen. Aber das, was man die Kirche nennt, war inzwischen
schon zu einem solchen Gewirr von Stimmen angeschwollen, daß der
Gesang des Sterbenden, überall übertönt, nur von ein paar
einfachen Mönchen aufgefangen war und unendlich bejaht von der Landschaft
seines anmutigen Tals. Wie oft mögen wohl solche Versuche gemacht
worden sein, die Versöhnung herzustellen zwischen jener christlichen
Absage und der augenfälligen Freundschaft und Heiterkeit der Erde.
Aber auch sonst, auch innerhalb der Kirche, ja in ihrer eigenen Krone,
erzwang sich das Hiesige seine eigene Fülle und seinen angeborenen
Überfluß. Warum rühmt man es nicht, daß die Kirche
stämmig genug war, nicht zusammenzubrechen unter dem Lebensgewicht
gewisser Päpste, deren Thron beschwert war mit Bastardkindern, Kurtisanen
und Ermordeten. War in ihnen nicht mehr Christentum, als in den dürren
Wiederherstellern der Evangelien,- nämlich, lebendiges, unaufhaltsames,
verwandeltes. Wir wissen ja nicht, will ich sagen, was aus den großen
Lehren werden will, man muß sie nur strömen und gewähren
lassen und nicht erschrecken, wenn sie plötzlich in die zerklüftete
Natur des Lebens fortstürzen und unter der Erde sich in unkenntlichen
Betten wälzen.
Ich habe einmal ein paar Monate in Marseille gearbeitet.
Es war eine besondere Zeit für mich, ich verdanke ihr viel. Der Zufall
brachte mich mit einem jungen Maler zusammen, der bis zu seinem Tod mein
Freund geblieben ist. Er litt an der Lunge und war eben damals von Tunis
zurückgekommen. Wir waren viel beisammen, und da der Abschluß
meiner Anstellung mit seiner Rückkehr nach Paris zusammenfiel, konnten
wir es einrichten, einige Tage in Avignon uns aufzuhalten. Sie sind mir
unvergeßlich geblieben. Zum Teil durch die Stadt selbst, ihre Gebäude
und ihre Umgebungen, als auch weil mein Freund in diesen Tagen ununterbrochen
und irgendwie gesteigerten Umgangs sich mir über viele Umstände
besonders seines inneren Lebens mit jener Beredsamkeit mitteilte,
die, scheint es, solchen Kranken in gewissen Momenten eigentümlich
ist. Alles, was er sagte, hatte eine seltsame wahrsagende Gewalt; durch
alles, was in oft atemlosen Gesprächen dahinstürzte, sah man
gewissermaßen den Grund, die Steine auf dem Grunde .... ich will
damit sagen, mehr als ein nur Unsriges, die Natur selber, ihr Ältestes
und Härtestes, das wir doch an so vielen Stellen berühren und
von dem wir wahrscheinlich in den getriebensten Momentan abhängen,
indem sein Gefäll unsere Neigung bestimmt. Ein Liebeserlebnis, unvermutet
und glücklich, kam dazu, sein Herz wurde ungewöhnlich hoch gehalten,
tagelang, und so schoß denn auf der anderen Seite der spielende Strahl
seines Lebens zu beträchtlicher Höhe auf. Mit jemanden,
der sich in einer solchen Verfassung befindet, eine außerordentliche
Stadt und eine mehr als gefällige Landschaft wahrzunehmen,ist eine
seltene Vergünstigung; und so erscheinen mir denn auch, wenn ich zurückdenke,
jene zarten und zugleich leidenschaftlichen Frühlingstage als die
einzigen Ferien, die ich in meinem Leben gekannt habe. Die Zeit war so
lächerlich kurz, einem anderen hätte sie nur für wenige
Eindrücke hingereicht, - mir, der ich nicht gewohnt bin, freie Tage
zu verbringen, erschien sie weit. Ja, es kommt mir fast unrecht vor, noch
Zeit zu nennen, was eher ein neuer Zustand des Freiseins war, recht
fühlbar ein Raum, ein Umgebensein von Offenem, kein Vergehn.
Ich holte damals, wenn man so sagen kann, Kindheit nach und ein Stück
frühes Jungsein, was, alles in mir auszuführen, nie Zeit gewesen
war; ich schaute, ich lernte, ich begriff -, und aus diesen Tagen stammt
auch die Erfahrung, daß mir "Gott" zu sagen, so leicht, so wahrhaftig,
so - wie mein Freund sich würde ausgedrückt haben - so problemlos
einfach sei. Wie sollte mir dieses Haus, das die Päpste sich dort
eingerichtet haben, nicht gewaltig vorkommen? Ich hatte den Eindruck, es
könne überhaupt keinen Innenraum enthalten, sondern müsse
aus lauter dicken Blöcken geschichtet sein, so als wäre den Verbannten
nur darum zu tun gewesen, das Gewicht des Papsttums, sein Übergewicht,
auf die Waage der Geschichte zu häufen. Und dieser kirchliche Palast
türmt sich wahrhaftig über dem antiken Torso einer Heraklesfigur,
die man in die felsigen Grundfesten eingemauert hat - "ist es nicht" -
sagte Pierre, "wie aus diesem Samenkorn ungeheuerlich aufgewachsen?" -
Daß dieses das Christentum sei, in einer seiner Verwandlungen, wäre
mir viel verständlicher, als seine Kraft und seinen Geschmack in dem
immer schwächeren Aufguß jener Tisane zu erkennen, von der man
behauptet, daß sie aus seinen ersten zartesten Blättern bereitet
sei.
Sind doch auch die Kathedralen nicht die Köper jenes Geistes,
an uns nun als den eigentlich christlichen einreden will. Ich könnte
denken, daß unter einigen von ihnen das erschütterte Standbild
einer griechischen Göttin ruhe; soviel Erblühung, soviel Dasein
ist in ihnen emporgeschossen, wenn sie auch, wie in einer zu ihrer Zeit
entstandenen Angst, von jenem verborgenen Leib fort in die Himmel strebten,
die fortwährend offen zu halten der Ton ihrer Glocken bestimmt war.
Nach meiner Rückkehr damals von Avignon bin ich viel in Kirchen
gegangen, abends und am Sonntag, - erst allein ... später ...
Ich habe eine Geliebte, fast noch ein Kind, die als Heimarbeiterin
beschäftigt ist, wodurch sie oft, wenn es wenig Arbeit gibt, in eine
arge Lage gerät. Sie ist geschockt, sie würde leicht in einer
Fabrik unterkommen, aber sie fürchtet den Patron. Ihre Vorstellung
von Freiheit ist grenzenlos. Es wird Sie nicht wundern, daß sie auch
Gott so wie eine Art Patron empfindet, ja als den "Erzpatron", wie sie
mir sagte, lachend, aber mit solcehm Schreck in den Augen. Es hat lange
gebraucht, bis sie sich entschloß, einmal abends mit mir nach St.
Eustache zu gehen, wo ich gerne eintrat, wegen der Musik der Maiandachten.
Einmal sind wir zusammen nach Maux geraten und haben in der Kirche dor
Grabsteine angesehen. Allmählich merkte sie, daß Gott einen
in den Kirchen in Ruhe läßt, daß er nichts verlangt; man
könnte meinen, er wäre überhaupt nicht da, nicht wahr, -
aber doch im Augenblick, wo man das etwas sagen wollte, meinte Marthe,
daß er auch in der Kirche nicht ist, da hält einen etwas zurück.
Vieleicht nur das, was die Menschen selbst durch so viel Jahrhunderte hereingetragen
haben in diese hohe, eigentümlichbestärkte Luft. Vieleicht ist
es auch nur, daß das Schwingen der mächtigen und süßen
Musik nie ganz hinauskann, ja es muß ja längst in die Steine
eingedrungen sein, und es müssen merkwürdig erregte Steine sein,
diese Pfeiler und Wölbungen, und wenn ein Stein auch hart ist und
schwer zugänglich, schließlich erschütterts ihn doch, immer
wieder Gesang und diese Angriffe von der Orgel her, diese Überfälle,
diese Stürme des Lieds, jeden Sonntag, diese Orkane der großen
Feiertage. Windstille, das ists, was echt eigentlich in den alten Kirchen
herrscht, Ich sagte es Marthe. Windstille. Wir horchten, sie begriff es
sofort, sie hat eine wunderbar vorbereitete Natur. Seither traten wir manchmal
da und dort ein, wenn wir singen hörten, und standen dann da, dicht
aneinander. Am schönsten wars, wenn ein Glasfenster vor uns war, eines
von diesen alten Bilderfenstern, mit vielen Abteilungen, jede ganz angefüllt
mit Figuren, großen Menschen und kleinen Türmen und allen möglichen
Ereignissen. Nichts ist dafür zu fremd gewesen, da sieht man Burgen
und Schlachten und eine Jagd, und der schöne weiße Hirsch kommt
immer wieder vor im heißen Rot und im brennenden Blau. Ich habe einmal
einen alten Wein zu trinken bekommen. So sit das für die Augen, diese
Fenster, nur das der Wein nur dunkelrot war im Mund, - dieses hier aber
ist dasselbe auch noch in Blau und in Violett und in Grün. Es ist
überhaupt alles in den alten Kirchen, gar keine Scheu vor etwas,
wie in den neuen, wo nur gewissermaßen die guten Beispiele vorkommen.
Hier ist auch das Arge und Böse und Fürchterliche; das Verkrüppelte,
das, was ind Not, das, was häßlich ist, und das Unrecht; und
man möchte sagen, daß es irgendwie geliebt sei um Gottes Willen.
Hier ist der Engel, den es nicht gibt, und der Teufel, den es nicht gibt;
und der Mensch, den es gibt, ist zwischen ihnen, und, ich kann mir nicht
helfen, ihre Unwirklichkeit macht ihn mir wirklicher. Ich kann das, was
ich fühle, wenn es heißt: ein Mensch, dort drin besser zusammennehmen,
als auf der Straße unter den Leuten, die rein nichts Erkennbares
an sich haben. Aber das ist schwer zu sagen. Und das, was ich nun sagen
will, ist noch schwerer aus<zu>drücken. Was nämlich den "Patron",
die Macht, angeht (das ist mir auch langsam dort drin, wenn wir ganz in
der Musik standen, klargeworden), so gibt es nur ein Mittel wider
sie: weiter zu gehen als sie selbst. Ich meine das so: Man sollte sich
anstrengen, in jeder Macht, die ein Recht über uns beansprucht, gleich
alle Macht zu sehen, die ganze Macht, Macht überhaupt, die Macht Gottes.
Man sollte sich sagen, es gibt nur eine, und die geringe, die falsche,
die fehlerhafte so verstehen, als wär sie das, was uns mit
Recht ergreift. Würde sie nicht unschädlich auf diese Weise?
wenn man in jeder Macht, auch in arger und boshafter, immer die Macht selbst
sähe, ich meine das, was zuletzt recht behält, mächtig
zu sein, überstünde man da nicht, heil sozusagen, auch das Unberechtigte
und Willkürliche? Stellen wir uns nicht zu allen den unbekannten großen
Kräften genau so? Keine erfahren wir in ihrer Reinheit. Wir nehmen
jede zunächst hin mit ihren Mängeln, die vieleicht unseren Mängeln
angemessen sind. - Aber hat nicht bei allen Gelehrten, Entdeckern und Erfindern,
die Voraussetzung, daß sie es mit großen Kräften zu tun
hätten, plötzlich zu den größesten geführt? Ich
bin jung, und es ist viel Aufbegehren in mir; ich kann nicht versichern,
daß ich nach meiner Einsicht handele in jedem Falle, wo Ungeduld
und Unlust mich hinreißen, - im Innersten aber weiß ich, daß
die Unterwerfung weiter führt als die Auflehnung; sie beschämt,
was Bemächtigung ist, und sie trägt unbeschreiblich bei zur Verherrlichung
der richtigen Macht. Der Aufgelehnte drängt aus der Anziehung eines
Machtmittelpunktes hinaus, und es gelingt ihm vieleicht, dieses Kraftfeld
zu verlassen; aber darüber hinaus steht er im Leeren und muß
sich umsehen nach einer anderen Gravitation, die ihn einbeziehe. Und diese
ist meist noch minderer Gesetzmäßigkeit als die erste. Warum
also nicht gleich in jener, in der wir uns vorfinden, die größeste
Gewalt sehen, unbeirrt durch die Schwächen und Schwankungen? Irgendwo
stößt die Willkür von selber ans Gesetz, und wir ersparen
Kraft, wennwir ihr überlassen, sich selber zu bekehren. Freilich das
gehört zu den langen und langsamen Vorgängen, die so völlig
im Widerspruch stehen mit den merkwürdigen Überstürzungen
unserer Zeit. Aber es wird neben den Schnellsten Bewegungen immer langsme
geben, ja solche von so äußerster Langsamkeit, daß wir
ihren Verlauf gar nicht erkennen können. Aber dazu, nicht wahr, ist
ja die Menschheit da, daß sie abwarte, was über den Einzelnen
hinausreicht. - Von ihr aus gesehen, ist das Langsame oft das Schnellste,
daß heißt, es erweist sich, daß wir es nur langsam nannten,
weil es ein Unmeßbares war.
Nun gibt es, scheint mir, ein völlig Unermeßliches, an dem
mit Maßstäben, Messungen und Einrichtungen sich zu vergreifen,
die Menschen nicht müde werden. Und hier in jener Liebe, die sie mit
einem unerträglichen Ineinander vonn Verachtung, Begierlichkeit und
Neugier die "sinnliche" nennen, hier sind wohl die schlimmsten Wirkungen
jener Herabsettzung zu suchen, die das Christentum dem Irdischen meint
bereiten zu müssen. Hier ist alles Entstellung und Verdrängung,
obwohl wir doch aus diesem tifen Ereignis hervorgehen und selber wieder
in ihm die Mitte unserer Entzückungen besitzen. Es ist mir, wenn ich
es sagen darf, immer unbegreiflicher, wie eine Lehre, die uns dort ins
Unrecht setzt, wo die ganze Kreatur ihr seligstes Recht genießt,
in solcher Beständigkeit sich, wenn auch nirgends bewähren, so
doch weiterhin behaupten darf.
Ich denke auch hier wieder an die bewegten Gespräche, die ich
mit meinem verstorbenen Freund fühen durfte, damls, in den Auen der
Barthelasse-Insel im Frühling und später. Ja in der Nacht, die
seinem Tod zuvorging (er starb am folgenden Nachmittag kurz nach fünf
Uhr), hat er mir in einem Bereich blindesten Erleidens so reine Ausblicke
eröffnet, daß mir mein Leben an tausend Stellen neu zu beginnen
schien und mir, da ich antworten wollte, die Stimme nicht zur Verfügung
stand. Ich wußte nicht, daß es Tränen der Freude gab.
Ich weinte meine ersten, anfängerhaft, in die Hände dieses morgen
Toten und fühlte, wie in Pierre die Flut des Lebens noch einmal stieg
und überging, da diese heißen Tropfen hinzukamen. Bin ich überschwänglich?
Ich rede ja von einem Zuviel.
Warum, frage ich Sie, Herr V., wenn man uns helfen will, uns so oft
Hülflosen, warum läßt man uns im Stich, dort an der Wurzel
alles Erlebens? Wer uns dort beistände, der könnte getrost
sein, daß wir nichts weiter von ihm verlangten. Denn der Beistand,
den er uns dort einflößte, wüchse von selbst mit unserem
Leben und würde größer und stärker mit ihm zugleich.
Und ginge nie aus. Was setzt man uns nicht ein in unser Heimlichstes? Was
müssen wirs umschleichen, und geraten schließlich hinein; wie
Einbrecher und Diebe, in unser eigenes schönes Geschlecht, in dem
wir irren und uns stoßen und straucheln, um schließlich wie
Ertappte wieder hinauszustürzen in das Zwielicht der Christlichkeit.
Warum, wenn schon Schuld oder Sünde, wegen der inneren Spannung des
Gemüts, mußte erfunden werden, warum heftet man sie nicht an
an einen anderen Teil unseres Leibes, warum ließ man sie fallen dorthin
und wartete, daß sie sich auflöse in unserem reinen Brunnen
und ihn vergifte und trübe? Warum hat man uns das Geschlecht heimatlos
gemacht, statt das Fest unserer Zuständigkeit dort hin zu legen?
Gut, ich will zugeben, es soll uns nicht gehören, die wir nicht
imstande sind, so unerschöpfliche Seligkeit zu verantworten und zu
verwalten. Aber warum gehören wir nicht zu Gott von dieser Stelle
aus?
Ein Kirchlicher würde mich dort verweisen, daß es die Ehe
gäbe, obwohl ihm nicht unbekannt wäre, wie es mit dieser Einrichtung
bestellt ist. Es nützt auch nichts, den Willen zur Fortpflanzung in
den Gnadenstrahl zu rücken -, mein Geschlecht ist nicht nur den Nachkommen
zugekehrt, es ist das geheimnis meines eigenen Lebens -,und nur weil es
dort, wie es scheint, den mittleren Platz nicht einnehmen soll, haben so
viele es an ihren Rand verschoben und darüber das Gleichgewicht verloren.
Was hilft alles! Die entsetzliche Unwahrheit und Unsicherheit unserer Zeit
hat ihren Grund in dem nicht eingestandenen Glück des Geschlechts,
in dieser eigentümlich schiefen Verschuldung, die immerfort zunimmt
und uns von der ganzen übrigen Natur trennt, ja sogar von dem Kind,
obwohl, wie ich in jener unvergeßlichen Nacht erfuhr, seine, des
Kindes, Unschuld durchaus nicht darin besteht, daß es, sozusagen,
kein Geschlecht kenne, - sondern ", so sagte Pierre fast tonlos, "jenes
unbegreifliche Glück, das uns an einer Stelle erwacht mitten
im Fruchtfleisch der geschlossenen Umarmung, ist noch in seinem ganzen
Körper überall namenlos verteilt". Um die eigentliche Lage unserer
Sinnlichkeit zu bezeichnen, müßte man also sagen dürfen:
Einmal waren wir überall Kind, jetzt sind wir es nur an einer
Stelle. - Wenn aber nur ein einziger unter uns ist, dam das gewiß
wäre und der die Beweise dafür aufzuzeigen die Fähigkeit
besäße, warum lassen wirs geschehen, daß eine Generation
nach der anderen unter dem Schutt christlicher Vorurteile zusich kommt
und sich rührt wie der Scheintote in Finsternis, in einem engsten
Zwischenraum zwischen lauter Absagen!?
Herr V. Ich schreibe und schreibe. Eine ganze Nacht ist fast darüber
hingegangen. Ich muß mich zusammenfassen. - Habe ich gesagt, daß
ich in einer Fabrik angestellt bin? ch arbeite im Schreibzimmer, manchmal
habe ich auch an einer Maschiene zu tun. Früher konnte ich einmal
eine kurze Zeit studieren. Nun, ich will nur sagen, wie mir zu Mute ist.
Ich will, sehen Sie, anwendbar sein an Gott, so wie ich da bin; was ich
hier tue, Arbeit, das will ich weitertun auf ihn zu, ohne daß mir
mein Strahl gebrochen wird, wenn ich das so ausdrücken darf, auch
nicht in Christus, der einst für viele das Wasser war. Die Maschiene,
zum Beispiel, ich kann sie ihm nicht erklären, er behält sie
nicht. Ich weiß, Sie lachen nicht, wenn ich das so einfältig
sage, es ist am besten so. Gott dagegen, ich habe dieses Gefühl, ihm
kann ich sie bringen, meine Maschiene und ihren Erstling, oder sonst
meine ganze Arbeit, es geht ohneweiters in ihn hinein. So wie es für
die Hirten einmal leicht war, den Götttern ihres Lebens ein Lamm zu
bringen oder die Feldfrucht oder die schönste Traube.
Sie sehen Herr V., ich konnte diesen langen Brief schreiben, ohne das
Wort Glauben ein einziges Mal nötig zu haben.Denn das scheint mir
eine umständliche und schwierige Angelegenheit zu sein, und nicht
die meine. Ich will mich nicht schlecht machen lassen um Christi willen,sondern
gut sein für Gott. Ich will nicht von vonherein als ein Sündiger
angeredet sein, vielleicht bin ich es nicht. Ich habe so reine Morgen!
Ich könnte mit Gott reden, ich brauche niemanden, der mir Briefe an
ihn aufsetzten hilft.
Ihre Gedichte kenne ich nur aus jener Vorlesung neulich abend, ich
besitze nur wenige Bücher, die meisten mit meinem Beruf zu tun haben.
Ein paar allerdings, die von Kunst handeln, und Historisches, was ich mir
eben verschaffen konnte. - Die Gedichte aber, das müssen Sie sich
nun gefallen lassen, haben diese Bewegung in mir hervorgerufen. Mein Freund
sagte einmal: Gebt uns Lehrer, die uns das Hiesige rühmen. Sie sind
ein solcher.