Aufzeichnung

Eigentlich war er schon längst frei, und wenn ihn nur etwas am Sterben hinderte, so wars vieleicht nur der Umstand, daß er es schon einmal irgendwo übersehen hatte, so daß er nicht, wie die anderen, daraufzu weiter mußte, sondern dazu zurück. Sein Geschehen war schon draußen, stand in den überzeugten Dingen, mit denen die Kinder spielen, und ging in ihnen zu Grund. Oder es war gerettet im Aufschaun einer Fremden, die vorüberkam, wenigstens verließ es sich dort auf seine Gefahr. Aber auch die Hunde liefen damit vorbei, beunruhigt und sich umsehend, ob er es ihnen vieleicht wieder wegnähme. Wenn er aber vor den Mandelbaum trat, der in seiner vollen Blüte war, so erschrak er dennoch, es so völlig drüben zu finden, ganz übergegangen, ganz dort beschäftigt, ganz fort von ihm; und er selber nicht genau genug gegenüber und zu trübe, um dieses sein Sein auch nur zu spiegeln. Wäre er ein Heiliger geworden, so hätte er aus diesem Zustand eine heitere Freiheit gezogen, die unendlich unwiderrufliche Freude der Armut: denn so lag vieleicht der heilige Franz, aufgezehrt, und war genossen worden, und die ganze Welt war ein Wohlgeschmack seines Wesens. Er aber hatte sich nicht rein geschält, hatte sich aus sich herausgerissen und Stücke Schale mit fortgegeben, oft auch sich (wie Kinder vor Puppen tun) an einem eingebildeten Mund gehalten und geschmatzt dabei, und der Bissen war liegen geblieben. So sah er jetzt dem Abfall gleich und war im Weg, - soviel Süße auch in ihm gewesen seien mochte.


Zurück zur Hauptseite des Rilkearchivs


Fragen und Kommentare an: kasparek@unix-ag.uni-kl.de