Gasttafel im ersten Hotel von N. - An die Marmorwände des
hohen, hell erleuchteten Saales brandet Raunen der Menschen
und Rasseln der Messer. Geschäftig, gleich lautlosen
Schatten, huschen die schwarzbefrackten Diener mit den silbernen
Platten hierhin und dorthin. Aus den blanken, hochbeinigen
Eiskübeln blinzeln die Sektflaschen nach den flachen
Weinschalen hin. Alles glänzt und flimmert in den
Strahlen der elektrischen Lampen. Die Augen und die
Schmucksteine der Damen, die Glatzen der Herren und endlich
die Worte, die hin und wider hüpfen wie Feuerfunken.
Wenn sie zünden, schlägt einmal nah, einmal fern die grelle
Lohe eines kurzen Lachens aus einer Frauenkehle. Dann
schlürfen die Damen eifrig die duftende Brühe aus den
feinen, durchschimmernden Tassen, während die jüngeren
Herren den Kneifer über die Nase spreizen und mit kritischem
Blick die bunte Tafelrunde mustern.
Sie saßen alle schon seit Tagen so beisammen. Nur am Ende
des Tisches hatte ein neuer, fremder Gast Platz genommen.
Die Herren ließen ihr Auge flüchtig über diese Erscheinung
weggleiten, denn der bleiche, ernste Mann, der dort unten
saß, trug nicht modische Kleidung. Ein hoher, schneeweißer
Kragen schmiegte sich bis an sein Kinn hinauf, und die breite,
schwarze Binde, die man im ersten Dritteil unseres Jahrhunderts
trug, umschloß den Hals. Der schwarze Rock ließ kein
Stückchen der Hemdbrust sehen und lag feierlich auf den
breiten Schultern. Was aber die Herren noch unangenehmer
berührte, war das große, graue Auge des Ankömmlings, das
hoheitsvoll und mächtig durch die ganze Gesellschaft, durch
die Wandung des Raumes zu dringen schien, und das leuchtete,
als ob ein fernes, schimmerndes Ziel sich beständig drin
spiegelte. Dieses Auge veranlaßte die neugierigen, heimlichen
Blicke der Frauen. Man munkelte sich über den Tisch
hinüber Vermutungen zu, man stieß sich ganz leise mit den
Füßen an, man fragte, forschte, zuckte die Achseln und
wurde trotz alledem nicht klüger.
Im Mittelpunkt der Unterhaltung stand die polnische Baronin
Vilovsky, eine geistreiche, jüngere Wittib. Auch sie
schien schon Interesse für den schweigsamen Fremdling gefaßt
zu haben. Ihre schwarzen, großen Augen hingen mit
auffallender Ausdauer an seinen durchgeistigten Zügen. Ihre
schmale Hand trommelte nervös aufdem weißen Damast des
Tischtuches, daß der prächtige Brillant auf dem kleinen Finger
Blitz um Blitz schoß. Sie griff in begieriger, kindischer
Hast bald dies, baldjenes Thema aufund brach dasselbe in einer
Weile jäh und trotzig ab; denn der Fremde wollte sich
durchaus nicht beteiligen. - Sie hielt ihn für einen Künstler.
In bewundernswert feiner Art wußte sie um alle Künste nach
und nach den Faden des Gespräches zu schlingen. Umsonst.
Der schwarze Herr schaute groß und ernst ins Weite. - Baronin
Vilovsky aber gab sich nicht verloren.
»Sie haben doch von dem großen Brandunglück im Dorfe B.
gehört?« wandte sie sich zu einem Herrn an ihrer Seite. Und
als man bejahte: »Ich denke, wir bilden ein Komitee, das irgend
eine Wohltätigkeitsveranstaltung, verbunden mit
Sammlung, ins Leben rufen soll? « Sie sah fragend umher.
Lauter Beifall lohnte ihr. Über die Züge des Unbekannten
huschte ein höhnisches Lächeln. Die Freiin fühlte dieses
Lächeln, ohne daß sie es sah: Zorn wühlte in ihr.
»Sind alle einverstanden?« rief sie jetzt im Ton einer Herrscherin,
die keinen Widerspruch erwartet. Ein Stimmenchaos: »Ja!«
»Einverstanden!« »Natürlich!«
Mein Gegenüber, ein Kölner Bankherr, legte schon wie beteuernd
seine Hand auf die Brusttasche, in welcher sich die
Banknoten stauten.
»Dürfen wir auch auf Sie rechnen, mein Herr?« So die Baronin dem
Fremden. Ihre Stimme zitterte. Jener erhob sich ein wenig und sagte
laut, ohne den Blick zu wenden, mit brutalem Ton: » Nein! « Die
Baronin zuckte zusammen. Dann zwang sie sich zu lächeln. Aller Augen
waren auf den Fremden gerichtet. Der wandte sein Auge der Freifrau zu
und fuhr fort:
»Sie tun ein Werk der Liebe; ich geh in die Welt, um
die Liebe zu töten. Wo ich sie finde, da morde ich sie. Und ich finde
sie oft genug in Hütten und Schlössern, in Kirchen und in der freien
Natur. Aber ich folge ihr unerbittlich. Und wie der starke Lenzwind
die Rose bricht, die sich zu früh hervorgewagt, so vernichte ich sie
mit meinem großen, zürnenden Willen: denn zu früh ward uns das Gesetz
der Liebe.« Seine Stimme verhallte dumpf wie der Glockenton beim
Ave. Die Baronin wollte entgegnen, aber der Mann fuhr fort: »Sie
verstehen mich noch nicht. Hören Sie: Die Menschen waren unreif als
der Nazarener zu ihnen kam und ihnen die Liebe brachte. Er, in seinem
lächerlich kindischen Edelmut, glaubte ihnen ein Gutes zu tun! - Für
ein Geschlecht von Giganten wäre die Liebe ein herrliches Ruhekissen,
in dessen wollüstiger Weise sie neue Taten träumen dürften. Den
Schwachen aber ist sie Ruin.« - Ein katholischer Priester, der
anwesend war, griff mit der linken Hand nach seiner Halsbinde, als
wäre sie ihm plötzlich zu enge geworden.
»Ruin!« dröhnte es aus dem Munde des Fremden. »Ich spreche nicht von
der Liebe der Geschlechter. Von der Nächstenliebe spreche ich, von
Mitleid und Erbarmen, von Gnade und Nachsicht. Es giebt keine
schlimmeren Gifte in unserer Seele!« Der Priester gurgelte etwas
durch die dicken Lippen.
»Christus, was hast du getan! Mir ist, man
hat uns aufgezogen, wie jene Raubtiere, denen man ihren innersten
Trieb mit berechnender Klugheit genommen, damit man, wenn sie, zahm
geworden, ungestraft mit Knuten auf sie einhauen darf - So hat man uns
die Zähne abgefeilt und die Klaue, und man hat uns gepredigt: Liebe!
Man hat uns die Eisenrüstung unserer Kraft von den Schultern gezogen
und hat uns gepredigt: Liebe! Man hat uns den Demantspeer unseres
stolzen Willens aus den Händen gewunden und hat uns gepredigt: Liebe!
Und so hat man uns nackend und bloß in den Sturm des Lebens gestellt,
wo die Keulenschläge des Schicksals auf- und niedersausen, - und man
predigt uns: - Liebe!«
Atemlos lauschte alles dem Sprecher. Die
Diener wagten sich nicht vom Platze und standen verlegen, die
Silberplatten in Händen, zuseiten des Tisches. - Wie ein heißes
Gewitter donnerten die Worte des Begeisterten in das schwüle
Schweigen.
»... ...und wir haben - gehorcht«, hub der seltsame Fremdling wieder
an. »Wir haben blind und blöde diesem wahnwitzigen Befehle
gehorcht. Wir haben die Dürstenden aufgesucht, die Hungernden, die
Kranken, die Aussätzigen, die Schwachen, die Elenden, und - wir sind
selbst dabei dürstend, hungernd, krank, elend geworden! Wir haben
unser Leben hingebracht, Gefallene aufzurichten, Zweifelnden zu raten,
Betrübte zu trösten, - und wir sind selbst dabei verzweifelt! - Wir
haben dem, der uns Weib und Kinder gemordet, der uns den eigenen Herd
mit der Axt der Zwietracht gespalten, wir haben ihm nicht den
schurkischen Schädel zerschmettert, - wir haben ihm - eine Hütte
erbaut, in der er friedlich erschauen kann das Ende der Tage!«
Furchtbarer Hohn bebte in seiner Stimme. - »Der, den sie als Messias
preisen, hat die ganze Welt zum Siechenhaus gemacht. Die Schwachen,
Elenden, Hinfälligen nennt er seine Kinder und Lieblinge. Und die
Starken, die sind dazu da, diese kraftlose Brut zu beschützen, zu
besorgen, zu bedienen!? Und wenn ich es in mir fühle heiß, innig und
himmlisch, das stürmende Drängen nach Licht, und wenn ich mit festem
Fuß den steiien, steinigen Pfad der Erreichung aufwärts steige, und
wenn ich es leuchten sehe, das lodernde, göttliche Ziel, - dann soll
ich mich zu dem Krüppel bücken, der am Wege zusammengesunken dahockt,
soll ihn loben, aufrichten, mitschleppen und soll meine fiebernde
Kraft versickern lassen in dem ohnmächtigen Kadaver, der nach wenigen
Schritten doch wieder hintaumelt? - Wie sollen wir denn hinauf, wenn
wir unsere Stärke den Elenden leihen, den Bedrängten, den faulen,
sinn- und marklosen Schurken?!« Eine Unruhe erhob sich, ein
Murren.
»Schweigen!« donnerte der Schwarze. »Zu feig sind Sie, einzugestehen,
daß dem so ist. Sie wollen ewig im Sumpfe fortwaten; Sie glauben, Sie
sehen den Himmel, weil Sie das schauen, was sich schmutzig in der
Gosse spiegelt. - - Verstehen Sie mich doch! Man hat unsere Kraft an
die Erde gebunden. Elend muß sie verglimmen auf dem Opferherde der
Barmherzigkeit. Einzig dazu soll sie gut sein, den Weihrauch des
Mitleids zu entzünden, den Dunst, der unsere eigenen Sinne betäuben
soll? Sie, die Kraft, die bis zum Himmel züngeln kann in freier,
großer, jauchzender Flamme?!«
Alles schwieg. Mit Lächeln fuhr der
herrliche Mann fort.
»Und wenn unsere Altvordern Affen waren, wilde
Tiere mit großen Naturtrieben, und wenn ihnen ein Messias erstanden
wäre, der ihnen Nächstenliebe gepredigt hätte, sie hätten, seinem Wort
gehorchend, nie zu höherer Entwickelung emporklimmen dürfen. Nie kann
die stumpfe, vielsinnige Menge Träger des Fortschritts sein; nur der
»Eine«, der Große, den der Pöbel haßt im dumpfen Instinkte eigener
Kleinheit, kann den rücksichtslosen Weg seines Willens mit göttlicher
Kraft und sieghaftem Lächeln wandeln. - Auch unser Geschlecht ist
nicht die Spitze der unendlichen Pyramide des Werdens. Auch wir sind
nicht vollendet. Auch wir sind unrdf, nicht überreif, wie ihr im
Dünkel so gerne wähnet. Darum vorwärts! Sollen wir nicht höher steigen
dürfen in Erkenntnis, Willen und Macht? Soll es nicht den Starken
gelingen, aus der Zwangatmosphäre des Massenneides emporzuschweben zum
Lichte!?
Hört mich, ihr - Alle: Ihr steht im Kampfe! Rechts und links
fallen eure Nebenmänner; fallen, getroffen von Schwäche, Krankheit,
Laster, Wahnsinn! .... und wie alle die Geschosse heißen, die das
schreckliche Schicksal speit. Laßt sie sinken! Laßt sie hinsterben
allein und elend. Seid hart, seid furchtbar, seid
unerbittlich! Ihr müßt vorwärts, vorwärts!
Was schaut ihr so
entsetzt? Seid auch ihr Schwächlinge, Alle? Fürchtet auch ihr
zurückzubleiben?! Bleibt! Verendet wie Hunde! Der Starke nur hat Recht
zu leben. Der Starke geht - - vorwärts.... und die Reihen werden sich
lichten; aber wenige Große, Gewaltige, Göttliche werden sonnigen Auges
das neue, gelobte Land erreichen. Vielleicht nach Jahrtausenden
erst. - Und sie werden ein Reich bauen mit starken, sehnigen,
herrischen Armen auf den Leichen der Kranken, der Schwachen, der
Krüppel.....
.........Ein ewiges Reich!«
Sein Auge brannte. Er war aufgestanden. Die
schwarze Gestalt erstreckte sich übergroß in die Höhe. Es war, als ob
ein Lichtschein sie umrahme. -
Er sah wie ein Gott aus.
Sein Blick hing
weit an der herrlichen Vision seiner Seele; dann kehrte er jäh aus den
Fernen zurück, und er sprach:
»Ich gehe in die Welt, die Liebe zu
töten. Kraft sei mit euch! Ich gehe in die Welt und predige den
Starken: Haß! Haß! Aberhaß!« - Alle sahen sich sprachlos an. Die
Baronin preßte, überwältigt von einem unbeschreiblichen Gefühl, ihr
Tuch an die Augen.
Als sie aufsah, war der Platz am Ende der Tafel -
leer.
Ein Schauder durchrieselte alle.
Niemand sprach.
Die Diener
reichten zaghaft die Speisen.
Mein Gegenüber, der dicke Bankherr,
gewann zuerst seine Sprache wieder.
Er brummte zu mir her: »Das war
entweder ein Narr, oder....« Das Folgende verstand ich nicht; denn er
kaute mit vollen Backen ein Stück Hummerpastete.