Im Patriarchat verkörpert die Prostituierte [12] das Bild der sexuellen Frau. Dieses Bild erzeugt verbotene Lust[13]. Diese Lust ist deutlich größer als die, die auf eine Frau entsteht, die dem Dogma der Anständigkeit entspricht. Da aber natürlich auch Prostituierte in ihrem Selbstbild dem Dogma der Anständigkeit entsprechen wollen, wird ihre Tätigkeit von ihnen selbst als negativ bewertet. Zur Rechtfertigung innerhalb ihrer eigenen Subkultur wird z.B. finanzielle Not vorgebracht und ihre Tätigkeit darf ihr keinen Spaß [14] machen.
In der 68er-Generation gab es teilweise eine Umdrehung dieser Verhältnisse: Angefeindet wurde dort die anständige Frau. Zwar folgte aus dem umgedrehten bürgerlichen Zwangssystem noch keine befreite Sexualität, immerhin gab es aber in dieser Zeit die Gelegenheit zum Experimentieren. Erfahrungen zeigen, daß vitale Sexualität [15] unter günstigen Voraussetzungen lange anhalten [16] kann.
Ist während der ersten Phase einer Beziehung heftige Sexualität zum Fangen des Mannes von Vorteil [21], so muß später der Mann begehrt werden. Die Sexualität der Frau ist also extrem fremdbestimmt und es bleibt kein Raum für eine autonome Willensbildung.
Die Frau, die sich in einer normalen Beziehung für die Einzige, Privilegierte hält, und glaubt, auch einen Anspruch auf diese Stellung [22] zu haben, fordert vom Mann eine Vaterrolle. Ihr eigenes, infantiles Verhalten wird als Prinzessinnensyndrom bezeichnet.
Zudem gibt es in der gesamten Gesellschaft keine Modelle für eine sexuell befreite Frau. Der Druck zur einfachen Reproduktion von bei anderen [23] vorgefundenen Verhaltensmustern ist daher enorm.
Es liegt auf der Hand, daß diese Anpassungssexualität aber auch gar nichts mit einer lustbezogenen Sexualität zu tun hat. Eine logische Folge ist, daß die Frau viel weniger Spaß an Sexualität hat [24]. Gleichzeitig spürt sie den Druck, wollen zu sollen. Bei jedem "Nein" zum Mann sinkt die Selbstachtung der Frau und Selbstzweifel tauchen auf[25].
Ein dauerhaft lustvoller Umgang mit der eigenen Sexualität braucht als Grundvoraussetzung persönliche Autonomie. Dazu gehört weiterhin mindestens körperliche Selbstliebe, Selbstachtung und Vertrauen. Erst daraus kann eine Sexualität erwachsen, die sich nicht ausschließlich durch das Begehren des Partners sondern durch eigene Lust definiert. Die Co-Frau im Patriarchat hat dafür schlechte Prämissen.
[11] Unter Abspaltung versteht die Psychologie einen Vorgang, der unerwünschte Anteile des eigenen Ichs oder anderer Personen verleugnet und auf andere Subjekte oder Objekte projiziert.
[12] Noch stärker gilt dies für die Nymphomanin.
[13] Im übrigen nicht nur bei Männern. Sexuelle Phantasien, in der sich Frauen selbst als Prostituierte sehen, sind weit verbreitet. Auch hier handelt es sich jedoch nicht um autonome Sexualität.
[14] Einen Orgasmus erlaubt sich die Prostituierte beispielsweise nicht.
[15] Dies steht im Widerspruch zu biologistischen Thesen, die ein Abflauen des sexuellen Interesses an einer PartnerIn postulieren.
[16] Oft länger als die vier Jahre, die eine deutsche Ehe durchschnittlich besteht. Viele Ehen scheitern an fehlenden offenen Gesprächen und an der mangelnden Selbsterfahrung als Paar.
[17] In der Regel wird dies von der Mutter gelernt.
[18] Aus der therapeutischen Praxis läßt sich die enorme Verbreitung dieser Einstellung zur eigenen Sexualität bei Frauen belegen.
[19] Häufig erleben Männer, daß sie bei einer Frau mal "`ran dürfen"' und mal nicht. Sie wissen oft nicht, wann ihre Partnerin geil ist.
[20] Co-Rollen können verstanden werden als ergänzende, reaktive Rollen zu einer inhaltlich definierten Hauptrolle.
[21] Frauen erleben durch die "`Eroberungen"' auch in der Sexualität zwar Kicks, sie haben aber keinen dauerhaften Gewinn.
[22] Gleichzeitig fürchten Frauen oft die Konkurrenz anderer Frauen, denen mehr oder höhere Qualitäten zugeschrieben werden als der eigenen Person (die andere ist blonder, größer, etc.). Es handelt sich hier um eine wichtige Quelle von Eifersucht.
[23] Frauen benutzen oft das Verhalten von Freundinnen zur eigenen Orientierung.
[24] Zuweilen spüren auch die Männer die Anpassungssexualität der Frauen, die natürlich wenig attraktiv ist und keine Lust macht.
[25] Bei Männern kann dieses Phänomen im übrigen bei der Konfrontation mit sexuell hartnäckigen Frauen beobachtet werden.