Sexualfeindliche Mythen

In der Gesellschaft [1] gibt es eine Reihe von Aussagen über die menschliche Sexualität. Diese Aussagen werden in der Regel mit biologischen Vorgaben (Trieb) begründet, werden so unhinterfragbar gemacht und bekommen einen naturgesetzlichen Charakter. Dieser Charakter führt zu einem Zwang [2], dem alle Menschen unterliegen. Eine freie Sexualität ist somit nicht möglich [3].

Da es sich bei Sexualität aber vielmehr um soziales Verhalten handelt, das wie anderes soziales Verhalten dem Lernen unterliegt, sind biologische Prämissen[4] unhaltbar und Triebe spielen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Bei den Aussagen handelt es sich folglich um bloße Mythen [5].

Von vielen Sexualforschern und Psychologen wird argumentiert, daß die angebliche Wirkung von Trieben doch jederzeit an der Wirklichkeit überprüft werden könne. Dies ist jedoch ein fataler Zirkelschluß: Da die herrschenden Mythen das Lernen von Sexualität massiv beeinflussen, kommen in der Beobachtung der Lernergebnisse diese Mythen naturgemäß auch wieder zum Vorschein.

Im Folgenden sollen diese Mythen hinterfragt werden, um die verbreitete passive Haltung ihnen gegenüber aufzulösen. Im Hintergrund steht die Frage, wie wir eine erotische Revolution näher kommen können, die den Menschen eine befreite Sexualität und somit ein freieres und erfüllteres Leben bringen könnte.

Sexualfeindliche Mythen über die Frau

Die Mythen zur Sexualität differenzieren stark zwischen den beiden Geschlechter, wobei behauptet wird, daß die Sexualität des betrachteten Geschlechts halt "so sei". Es sind geradezu zwei völlig unterschied- liche Welten, in denen diese Mythen spielen.

"Frauen haben weniger Trieb als Männer"

In gängigen biologistischen Begründungen für diese These schreiben Wissenschaftler Frauen wegen "ihrer" Kinder ein Nestbauverhalten zu, während Männern ein Jagdverhalten unterstellt wird. Daraus wird eine höhere Triebhaftigkeit der Männer abgeleitet [6]. Als Indiz wird beispielsweise die angeblich unterschiedliche Häufigkeit von Onanieren bei Jungen und Mädchen in der Pubertät [7] angeführt.

Nach diesem Mythos haben Frauen nur sexuelle Interessen wenn sie lieben. Zudem seien diese Interessen dann auf "den Einen" gerichtet.

Während der (jugendlichen) Werbephase wird Frauen heute eine gewisse äußere Erotik zugestanden. Mit ihrer gesteigerten Attraktivität macht sie sich gegenüber der Konkurrenz durch andere Frauen zum begehrenswerteren Objekt, als das sie Chancen auf einen besseren Patriarchen hat.

Ziel dieser Werbephase muß jedoch die Mutterschaft sein, die der Frau spätestens nach Geburt des ersten Kindes zugeschrieben wird. Danach ist eine Werbung mit erotischen Attributen verboten und - nach diesem Mythos - auch unnötig, denn wen sollte sie denn noch gewinnen wollen. In der Praxis führt das zur sogenannten seriellen Monogamie, in der es mehrere Lebenszeitpartner nacheinander gibt[8].

In diesem Rollenschema ist für die Frau kein Versuchs-Irrtum-Lernen im Bereich Sexualität möglich, da es keine experimentelle Phase [9] gibt. Wegen dieser fehlenden Erfahrungen ist es der Frau unmöglich, eine autonome Sexualität zu entwickeln.


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[1] Wir beziehen uns hier im wesentlichen auf moderne westliche Gesellschaften. Eine Mythenbildung geschieht aber in allen Kulturen.

[2] Gleichzeitig bieten diese festen Normen natürlich sichere Haltepunkte.

[3] Es können natürlich Versuche unternommen werden, einer freien Sexualität näher zu kommen. Dazu ist es unabdingbar, sich über die bestehenden Zwänge bewußt zu werden. Diese Intention wurde bei den Vorträgen verfolgt.

[4] Allgemein werden Menschen nicht von Trieben sondern von "`Gehirnprogrammen"' gesteuert, die im Prozeß der Sozialisation geschrieben werden.

[5] Mythen sind kulturell überlieferte Normen

[6] Gewöhnlich wird argumentiert, daß zur Jagd und zum Töten der Beute ein höheres Aggressionspotential nötig sein, daß mehr oder weniger umstandslos den Trieben zugeordnet wird.

[7] Bei Jungen seien Fälle von bis zu fünfmaligem Onanieren an einem Tag bekannt, während solche Fälle bei Mädchen völlig unbekannt seien.

[8] Im Durchschnitt gibt es vier Lebenszeitpartner im Leben.

[9] Werden dennoch experimentelle Phasen durchlebt, so werden sie in aller Regel später negativ beurteilt und abgespalten. Stolz auf z.B. One-Night-Stands gibt es in der Regel nur aus narzißtischen Motiven.


Christian Kasparek, kasparek@unix-ag.uni-kl.de