Traktat 2

Die Rede Der Underscheidunge

Daz sint die rede, die der vicarius von türingen, der prior von erfurt, bruoder eckhart predigerordens mit solchen kindern hâte, diu in dirre rede vrâgeten vil dinges, dô sie sâzen in collationibus mit einander.

Index

  1. Von wârer gehôrsame daz êrste.
  2. Von dem aller kreftigesten gebete und von dem aller hœhsten werke.
  3. Von ungelâzenen liuten, die vol eigens willen sint.
  4. Von dem nützen lâzenne, daz man tuon sol von innen und von ûzen.
  5. Merke, waz daz wesen und den grunt guot mache.
  6. Von der abegescheidenheit und vom habenne gotes.
  7. Wie der mensche sîniu werl sol würken ûf daz hœhste vernünfticlîchen.
  8. Von dem stœten vlîze in dem hœhsten zuonemenne.
  9. Wie die neigung ze den sünden dem menschen vrument ze allen zîten.
  10. Wie der wille alliu dinc vermac und wie alle tugende in dem willen ligent, ob er anders gereht ist.
  11. Waz der mensche tuon sol, sô er gotes vermisset und sich verborgen hât.
  12. Daz ist von sünden, wie man sich dar zuo halten sol, ob man sich in sünden vindet.
  13. Von zweierleie riuwe.
  14. Von der wâren zuoversiht und von der hoffenunge.
  15. Von zweierleie sicherheit des êwigen lebens.
  16. Von der wâren pênitencie und sœligem lebene.
  17. Wie sich der mensche in vride halte, ob er sich niht envindet ûf ûzerlîcher arbeit, als Kristud und vil heiligen hânt gehabet; wie er gote sül nâchvolgen.
  18. In welher wîse der mensche mac nemen, als im gebürt, zarte spîse und hôhiu kleit und vrœlîche gesellen, als im die anehangent nâch gewonheit der natûre.
  19. War umbe got ofte gestatet, daz guote liute, die in der wârheit guot sint, daz sie dicke werdent gehindert von itn guoten werken.
  20. Von unsers herren lîchamen, wie man den nemen sol ofte und in welher wîse und andâht.
  21. Von dem vlîze.
  22. Wie man gote volgen sol und von guoter wîse.
  23. Von den innerlîchen und ûzerlîchen werken.

Von wârer gehôrsame daz êrste.

Wâriu und volkomeniu gehôrsame ist eine tugend vor allen tugenden, und kein werk sô grôz enmac geschehen noch getân werden âne die tugent; und swie kleine ein werk und swie snœde ez sî, sô ist es nützer getân in wârer gehôrsame, ez sî messe lesen, hæren, beten, contemplieren, oder swaz dû maht gedenken. Nim aber swie snœde ein werk dû wellest, ez sî swaz daz sî, ez machet dir wâriu gehôrsame edeler und bezzer. Gehôrsame würket alwege daz aller beste in allen dingen. Joch diu gehôrsame engeirret niemer niht und enversûmet ouch nihtes, swaz ieman tuot, in deheinen dingen, daz ûz der wâren gehôrsame gât, wan si enversûmet kein guot. Gehôrsame bedarf niemer niht gesorgen, ir engebrichet ouch keines guotes.
Swâ der mensche in gehôrsame des sînen ûzgât und sich des sînen erwiget, dâ an dem selben muoz got von nôt wider îngân; wan sô einez im selber niht enwil, dem muoz got wellen glîcher wîz als im selber. Swenne ich mînes willen bin ûzgegangen in die hant mînes prêlâten und mir selber niht enwil, dar umbe muoz mir got wellen, und versûmet er mich an dem teile, sô versûmet er sich selber. Alsô in allen dingen, dâ ich mir niht enwil, dâ wil mir got. Nû merke! Waz wil er mir, dâ ich mir niht enwil? Dâ ich mich ane lâze, dâ muoz er mir von nôt wellen allez, daz er im selben wil, noch minner noch mêr, und mit der selben wîse, dâ er im mit wil. Und entæte got das niht, in der wârheit, diu got ist, sô enwære got niht gereht noch enwære got, daz sîn natiurlich wesen ist.
In wârer gehôrsame ensol niht vunden werden »ich wil alsô oder alsô« oder »diz oder daz«, sunder ein lûter ûzgân des dînen. Und dar umbe in dem aller besten gebete, daz der mensche mac gebeten, ensol niht sîn weder »gip mir die tugent oder die wîse«, oder »jâ, herre, gip mir dich selber oder êwigez leben«, dan »herre, engib niht, wan daz dû wilt, und tuo, herre, swaz und swie dû wilt in aller wîse«. Daz übertriffet daz êrste als der himel die erden. Und swenne man daz gebet alsô volbringet, sô hât man wol gebetet: als man zemâle ûzgegangen ist in got wârer gehôrsame. Uns als wâriu gehôrsame niht ensol haben »ich wil alsô«, alsô ensol nimer von ir gehœret werden »ich enwil niht«; wan »ich enwil niht« ist ein wâriu gift aller gehôrsame. Als dâ sprichet sant Augustínus: »der getriuwe diener gotes den engelüstet niht, daz man im sage oder gebe, daz er gerne hœrte oder sæhe; wan sîn êrster, hœchster vlîz ist ze hœrenne, waz gote allermeist gevellet«.

Von dem aller kreftigesten gebete und von dem aller hœhsten werke.

Daz kreftigste gebet und vil nâch daz almehtigste, alliu dinc ze erwerbenne, und daz aller wirdigste werk vor allendingen, daz ist, daz dâ gât ûz einem ledigen gemüete. Ie lediger daz ist, ie daz gebet und daz werk kreftiger, wirdiger, nützer und loblîcher und volkomener ist. Daz ledige gemüete vermac alliu dinc.
Waz ist ein ledic gemüete?
Daz ist ein ledic gemüete, daz mit nihte beworren enist noch ze nihte gebunden enist noch daz sîn bestez ze keiner wîse gebunden enhât noch des sînen niht enmeinet in deheinen dingen, dan alzemâle in dem liebsten willen gotes versunken ist und des sînen ûzgegangen ist. Niemer enmac der mensche dehein sô snœde werk gewürken, ez enneme hier inne sîne kraft und sîn vermügen.
Alsô krefticlîche sol man beten, daz man wölte, daz alliu diu gelider des menschen und krefte, beidiu ougen, ôren, munt, herze und alle sinne dar zuo gekêret wæren; und niht ensol man ûfhœren, man envinde denne, daz man sich welle einen mit dem, den man gegenwertic hât und bitet, daz ist got.

Von ungelâzenen liuten, die vol eigens willen sint.

Von dem nützen lâzenne, daz man tuon sol von innen und von ûzen.

Dû solt wizzen, daz sich nie dehein mensche sô vil geliez in disem lebene, er envünde sich dennoch mêr ze lâzenne. Der liute ist wênic, die des rehte war nement und dar ane bestânt. Ez is rehte ein glîch widergelt und glîcher kouf: als vil dû ûzgâst aller dinge, als vil, noch minner noch mêr, gât got în mit allem dem sînen, als dû zemâle ûzgâst in allen dingen des dînen. Dâ gebe ane, und daz lâz dich kosten allez, daz dû geleisten maht. Dâ vindest dû wâren vride und niendert anderswâ.
Die liute endörften niemer vil gedenken, waz sie tæten; sie solten aber gedenken, waz sie wæren. Wæren nû die liute guot und ir wîse, sô möhten iriu werk sêre liuhten. Bist dû gereht, sô sint ouch dîniu werk gereht. Niht engedenke man heilicheit ze setzenne ûf ein tuon; man sol heilicheit setzen ûf ein sîn, wan diu werk enheiligent uns niht, sunder wir suln diu werk heiligen. Swie heilic diu werk iemer sîn, sô enheiligent sie uns zemâle niht, als verre sie werk sint, mêr: als verre als wir heilic sîn und wesen hân, als verre heiligen wir alliu unsriu werk, ez sî ezzen, slâfen, wachen oder swaz daz sî. Die niht von grôzem wesene sint, swaz werke die würkent, dâ enwirt niht ûz. Hie merkem daz man allen vlîz sol dar ûf legen, daz man guot sî, niht als vil, waz man getuo oder welherleie geslehte diu werk sîn, sunder, wie der grunt der werke sî.

Merke, waz daz wesen und den grunt guot mache.

Der grunt, dar ane daz liget, daz des menschen wesen und grunt guot sî grœzlîchen, dâ des menschen werk ir güete abe nement, daz ist, daz des menschen gemüete genzliche ze gote sî. Dar ûf setze al dîn studieren, daz dir got grôz werde und daz aller dîn ernst und vlîz ze im sî in allen dînen werken und in allem dînen lâzenne. In der wârheit, ie dû des mêr hâst, ie alliu dîniu werk, welherleie diu sint, bezzer sint. Hafte gote ane, sô henket er dir alle güete ane. Suoche got, sô vindest dû got und allez guot. Jâ, in der wârheit, dû möhtest in solcher meinunge ûf einen stein treten, ez wære mêr ein götlich werk, dan ob dû des dînen mêr meintest in dem, daz dû næmest den lîchamen unsers herren und dîn meinunge minner abegescheiden wære. Der gote anehaftet, dem haftet got ane und alliu tugent. Und daz dû vor suochest, daz suochet nû dich; daz dû vor jagetest, daz jaget nû dich, und daz dû vor mohtest gevliehen, daz vliuhet nû dich. Dar umbe, der gote anehaftet grœzlîche, dem haftet ane allez, daz götlich ist, und vliuhet allez, daz gote unglîch und vremde ist.

Von der abegescheidenheit und vom habenne gotes.

Wie der mensche sîniu werl sol würken ûf daz hœhste vernünfticlîchen.

Von dem stœten vlîze in dem hœhsten zuonemenne.

Der mensche ensol ouch niemer dehein werk sô wol genemen noch rehte getuon, daz er iemer sô vrî sol werden in den werken oder ze sicher, daz sîn vernunft iemer müezic sol werden oder geslâfen. Er sol sich ie mit den zwein kreften der vernunft und des willen erheben und sîn aller bestez dar inne in dem hœhsten nemen und sich vor allem schaden vernünfticlîchen warnen,ûzwendic und inwendic; sô enversûmet er in keinen dingen iemer ihtes, sunder er nimet âne underlâz zuo grœzlîchen.

Wie die neigung ze den sünden dem menschen vrument ze allen zîten.

Wie der wille alliu dinc vermac und wie alle tugende in dem willen ligent, ob er anders gereht ist.

Waz der mensche tuon sol, sô er gotes vermisset und sich verborgen hât.

Daz ist von sünden, wie man sich dar zuo halten sol, ob man sich in sünden vindet.

Von zweierleie riuwe.

Von der wâren zuoversiht und von der hoffenunge.

Wâre und volkomene minne die sol man dar ane prüeven, ob man hât grôze hoffenunge und zuoversiht ze gote; wan kein dinc enist, dar ane man ez mêr müge geprüeven, ob man ganz minne habe, dan an getriuwenne. Wan, wer den andern sêre und genzlîche minnet, daz sachet die triuwe; wan allez, daz man got tar getriuwen, daz vindet man in der wârheit an im und tûsentmâl mêr. Und alsô, als got nie mensche möhte ze vil geminnen, alsô enmöhte im nie mensche ze vil getriuwen. Alliu dinc, diu man getuon mac, diu ensint niht als zimelich als grôz getriuwen ze gote. Alle, die grôze zuoversiht ze im ie gewunnen, die erliez er nie, er enwörhte grôziu dinc mit in. Dâ hât er wol bewîset an allen menschen, daz disiu getriuwunge kumet von minne, wan minne enhât niht aleine getriuwen, sunder sî hât ein wâr wizzen und ein unzwîvellîche sicherheit.

Von zweierleie sicherheit des êwigen lebens.

Von der wâren pênitencie und sœligem lebene.

Wie sich der mensche in vride halte, ob er sich niht envindet ûf ûzerlîcher arbeit, als Kristud und vil heiligen hânt gehabet; wie er gote sül nâchvolgen.

In welher wîse der mensche mac nemen, als im gebürt, zarte spîse und hôhiu kleit und vrœlîche gesellen, als im die anehangent nâch gewonheit der natûre.

War umbe got ofte gestatet, daz guote liute, die in der wârheit guot sint, daz sie dicke werdent gehindert von itn guoten werken.

Von unsers herren lîchamen, wie man den nemen sol ofte und in welher wîse und andâht.

Von dem vlîze.

Wie man gote volgen sol und von guoter wîse.

Von den innerlîchen und ûzerlîchen werken.