Traktat 2
Index:
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Reden der Unterweisung
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Vom wahren Gehorsam
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Vom allerkräftigsten Gebet und vom allerhöchsten
Werk
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Von ungelassenen Leuten, die voll Eigenwillens sind
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Vom Nutzen des Lassens, das man innerlich und äußerlich
vollziehen soll
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Beachte, was das Wesen und den Grund gut macht
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Von der Abgeschiedenheit und vom Besitzen Gottes
Reden der Unterweisung
Das sind die Reden, die der Vikar von Thüringen, der Prior von Erfurt,
Bruder Eckhart, Predigerordens, mit solchen <geistlichen> Kindern geführt
hat, die ihn zu diesen Reden nach vielem fragten, als sie zu abendlichen
Lehrgesprächen beieinander saßen.
Vom wahren Gehorsam
Wahrer und vollkommener Gehorsam ist eine Tugend vor allen Tugenden, und
kein noch so großes Werk kann geschehen oder getan werden ohne diese
Tugend; wie klein anderseits ein Werk sei und wie gering, es ist nützer
getan in wahrem Gehorsam, sei's Messelesen oder -hören, Beten, Kontemplieren
oder was du dir denken magst. Nimm wiederum ein Tun so geringwertig du
nur willst, es sei, was es auch sei: wahrer Gehorsam macht es dir edler
und besser. Gehorsam bewirkt allwegs das Allerbeste in allen Dingen. Fürwahr,
der Gehorsam stört nie und behindert nicht, was einer auch tut, bei
nichts, was aus wahrem Gehorsam kommt; denn der versäumt
nichts Gutes. Gehorsam braucht sich nimmer zu sorgen, es gebricht ihm an
keinem Gute.
Wo der Mensch in Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich des Seinen
entschlägt, ebenda muß Gott notgedrungen hinwiederum eingehen;
denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muß
Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst. Wenn ich mich meines
Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen und für
mich selbst nichts will, so muß Gott drum für mich wollen, und
versäumt er etwas für mich darin, so versäumnt er es zugleich
für sich selbst. So steht's in allen Dingen: Wo ich nichts für
mich will, da will Gott für mich. Nun gib acht! Was will er denn für
mich, wenn ich nichts für mich will? Darin, wo ich von meinem Ich
lasse, da muß er für mich notwendig alles das wollen, was er
für sich selber will, nicht weniger noch mehr, und in derselben Weise,
mit der er für sich will. Und täte Gott das nicht, - bei der
Wahrheit, die Gott ist, so wäre Gott nicht gerecht, noch wäre
er Gott, was <doch> sein natürliches Sein ist.
In wahrem gehorsam darf kein »Ich will so oder so« oder
»dies oder das« gefunden werden, sondern nur vollkommenes Aufgeben
des Deinen. Und darum soll es im allerbesten Gebet, das der Mensch beten
kann, weder »Gib mir diese Tugend oder diese Weise« noch »Ja,
Herr, gib mir dich selbst oder ewiges Leben« heißen, sondern
nur »Herr, gib mir nichts, als was du willst, und tue, Herr, was
und wie du willst in jeder Weise!« Dies übertrifft das erste
<Gebet> wie der Himmel die Erde; und wenn man das Gebet so verrichtet,
so hat man wohl gebetet: wenn man in wahrem Gehorsam aus seinem Ich ausgegengen
ist in Gott hinein. Und so wie wahrer Gehorsam kein »Ich will so«
kennen soll, so soll auch niemals von ihm vernommen werden »Ich will
nicht«; denn »Ich will nicht« ist wahres Gift für
jeden gehorsam. Wie denn Sankt Augustin sagt: »Den getreuen Diener
Gottes gelüstet nicht, daß man ihm sage oder gebe, was er gern
hörte oder sähe; denn sein erstes, höchstes Bestreben ist
zu hören, was Gott am allermeisten gefällt.«
Vom allerkräftigsten Gebet und vom allerhöchsten
Werk
Das kräftigste Gebet und nahezu das allmächtigste, alle Dinge
zu erlangen, und das allerwürdigste Werk vor allen ist jenes, das
hervorgeht aus einem ledigen Gemüt. Je lediger dies ist, umso kräftiger,
würdiger, nützer, löblicher und vollkommener ist das Gebet
und das Werk. Das ledige Gemüt vermag alle Dinge.
Was ist ein lediges Gemüt?
Das ist ein lediges Gemüt, das durch nichts beirrt und an nichts
gebunden ist, das sein Bestes an keine Weise gebunden hat und in nichts
auf das Seine sieht, vielmehr völlig in den liebsten Willen Gottes
versunken ist und sich des Seinigen entäußert hat. Nimmer kann
der Mensch ein noch so geringes Werk verrichten, das nicht hierin seine
Kraft und sein Vermögen empfinge.
So kraftvoll soll man beten, daß man wünschte, alle Glieder
und Kräfte des Menschen, Augen wie Ohren, Mund, Herz und alle Sinne
sollten darauf gerichtet sein; und nicht soll man aufhören, ehe man
empfinde, daß man sich mit dem zu vereinen im Begriff stehe, den
man gegenwärtig hat und zu dem man betet, das ist: Gott.
Von ungelassenen Leuten, die voll Eigenwillens sind
Die Leute sagen: »Ach, ja, Herr, ich möchte gern, daß
ich auch so gut zu Gott stünde und daß ich ebensoviel Andacht
hätte und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben, und ich möchte,
mir ginge es ebenso oder ich wäre ebenso arm«, oder: »Mit
mir wird's niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so
tue, ich muß in der Fremde leben oder in einer Klause oder in einem
Kloster.«
Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar
nichts. Es ist der Eigenwille, wenn zwar du's auch nicht weißt oder
es dich auch nicht dünkt: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der
nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man's nun merkt oder nicht. Was wir
da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese
Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diese Menge oder diese
Bestätigung - nicht das ist schuld, daß dich die Weise oder
die Dinge hindern: du bist es <vielmehr> selbst in den Dingen, was dich
hindert, denn du verhälst dich verkehrt zu den Dingen.
Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich! Wahrhaftig,
fliehst du nicht zuerst dich selbst, wohin du sonst fliehen magst, da wirst
du Hinderniss und Unfrieden finden, wo immer es auch sei. Die Leute, die
da Frieden suchen in äußeren Dingen, sei's an Stätten oder
in Weisen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde oder in Armut oder
in Erniedrigung - wie eindrucksvoll oder was es auch sei, das ist dennoch
alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt,
die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, umso weniger finden
sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter
der geht, um so mehr geht er in die Irre. Aber, was soll er denn tun? Er
soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen. Fürwahr,
ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte
aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Läßt der
Mensch aber von sich selbst ab, was er dann auch behält, sei's Reichtum
oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.
Zu dem Worte, das Sankt Peter sprech: »Sieh, Herr, wie haben
alle Dinge gelassen« <Matth. 19,27> - und er hatte doch nichts
weiter gelassen als ein bloßes Netz und sein Schifflein -, dazu sagte
ein Heiliger: Wer das Kleine willig läßt, der läßt
nicht nur dies, sondern er läßt alles, was weltliche Leute gewinnen,
ja selbst, was sie nur begehren können. Denn wer seinen Willen und
sich selbst läßt, der hat alle Dinge so wirklich gelassen, als
wenn sie sein freies Eigentum gewesen wären und er sie besessen hätte
mit voller Verfügungsgewalt. Denn was du nicht begehren willst,
das hast du alles hingegeben und gelassen um Gottes willen. Darum sprech
unser Herr: »Selig sind die Armen im Geist« <Matth. 5,3>,
das heißt: an Willen. Und hieran soll niemand zweifeln: Gäb's
irgendeine bessere Weise, unser Herr hätte sie genannt, wie er ja
auch sagte: »Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst«
<Matth. 16,24>; daran ist alles gelegen. Richte dein Augenmerk auf dich
selbst, und wo du dich findest, da laß von dir ab; das ist
das Allerbeste.
Vom Nutzen des Lassens, das man innerlich und äußerlich
vollziehen soll
Du mußt wissen, daß sich noch nie ein Mensch in diesem Leben
so weitgehend gelassen hat, daß er nicht gefunden hätte, er
müsse sich noch mehr lassen. Der Menschen gibt es wenige, die das
recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger
Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen,
so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen,
dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst.
Damit heb an, und laß dich dies alles kosten, was du aufbringen vermagst.
Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.
Die Leute brauchen nicht soviel nachzudenken, was sie tun sollten;
sie sollten vielmehr bedenken, was sie wären. Wären nun
aber die Leute gut und ihre Weise, so könnten ihre Werke hell leuchten.
Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Nicht
gedenke man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun; man soll Heiligkeit
vielmehr gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns,
sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig die Werke immer sein
mögen, so heiligen sie uns ganz und gar nicht, soweit sie Werke sind,
sondern: soweit wir heilig sind und Sein besitzen, soweit heiligen wir
alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen, oder was immer es auch
sei. Die nicht großen Seins sind, welche Werke die auch wirken, da
wird nichts daraus. Erkenne hieraus, daß man allen Fleiß darauf
verwenden soll, gut zu sein, - nicht aber so sehr darauf, was man
tue oder welcher Art die Werke seien, sondern wie der Grund der Werke sei.
Beachte, was das Wesen und den Grund gut macht
Der Grund, an dem es liegt, daß des Menschen Wesen und Seinsgrund,
von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei,
ist dies: daß des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott <gekehrt>
sei. Darauf setze all dein Bemühen, daß dir Gott groß
werde und daß all dein Streben und Fleiß ihm zugewandt sei
in allem deinem Tun und Lassen. Wahrlich, je mehr du davon hast desto besser
sind all deine Werke, welcher Art sie auch seien mögen. Hafte Gott
an, so hängt er dir alles Gutsein an. Suche Gott, so findest du Gott
und alles Gute <dazu>. Ja, fürwahr, du könntest in solcher
Gesinnung auf einen Stein treten, und es wäre in höherem Grade
ein gottgefälliges Werk, als wenn du den Leib unseres Herrn empfingest
und es dabei mehr auf das Deinige abgesehen hättest und deine Absicht
weniger selbstlos wäre. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und
alle Tugend. Und was zuvor du suchest, das sucht nun dich;
wem zuvor du nachjagest, das jagt nun dir nach; und was zuvor
du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott
eng anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht
alles, was Gott ungleich und fremd ist.
Von der Abgeschiedenheit und vom Besitzen Gottes
Ich wurde gefragt: manche Leute zögen sich streng von den Menschen
zurück und wären immerzu gern allein, und daran läge ihr
Friede und daran, daß sie in der Kirche wären - ob dies das
beste wäre? Da sagte ich: »Nein!« Und gib acht, warum.
Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist's an allen Stätten und
unter allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, für den ist's
an allen Stätten und unter allen Leuten unrecht. Wer aber recht daran
ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich; wer aber Gott recht in Wahrheit
hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei
allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in
der Zelle; wenn anders er ihn recht und nur ihn hat, so kann einen solchen
Menschen niemand behindern.
Warum?
Weil er einzig Gott hat und nur auf Gott absieht, und alle Dinge ihm
lauter Gott werden. Ein solcher Mensch trägt Gott in allen seinen
Werken und an allen Stätten, und alle Werke dieses Menschen wirkt
allein Gott; denn wer das Werk verursacht, dem gehört das Werk eigentlicher
und wahrhaftiger zu als dem, der da das Werk verrichtet. Haben wir also
lauter und allein Gott im Auge, wahrlich, so muß er unsere Werke
wirken, und an allen seinen Werken mag ihn niemand zu hindern, keine Menge
und keine Stätte. So kann also diesen Menschen niemand behindern,
denn er erstrebt und sucht nichts, und es schmeckt ihm nichts als Gott;
denn der wird mit dem menschen in allem seinem Streben vereint. Und so
wie Gott keine Mannigfaltigkeit zu zerstreuen vermag, so auch kann diesen
Menschen nichts zerstreuen noch vermannigfaltigen, denn er ist eins in
jenem Einen, in dem jede Mannigfaltigkeit Eins und Nichtmannigfaltigkeit
ist.